Ein Bildungskongress und eine Jubiläumsfeier vom 14.- 15. November 2016
20-jähriges Jubiläum der Erklärung "Schulpastoral -
der Dienst der Kirche an den Menschen im Handlungsfeld Schule"

"Es ist ungewöhnlich, das zwanzigste Jubiläum einer Bischöflichen Erklärung zu feiern. Es ist jedoch richtig, die Wirkungsgeschichte an diesem Nachmittag in den Blick zu nehmen und festzustellen, dass die Schulpastoral einen wichtigen Dienst der Kirche bei den Menschen in der Schule leistet und gerade deshalb stark nachgefragt ist.

Hier kommt die gemeinsame Verantwortung für eine individuelle und gesellschaftliche Mitgestaltung heute zum Ausdruck".

Mit diesen Worten eröffnete der Vorsitzende der Konferenz der Leitungen der bundesweiten kirchlichen Schulabteilungen, Dr. Jörg Dieter Wächter, die Jubiläumsfeier.

In seinem Grußwort wies der Trierer Weihbischof Jörg Michael Peters darauf hin, dass die Erklärung der Deutschen Bischöfe dazu beiträgt, dass in vielen Bistümern die Bedeutung und die Möglichkeiten der Schulpastoral erkannt werden. Er halte den Perspektivwechsel für notwendig, der in der Schulpastoral dazu führe, sich an konkreten Situationen und Charismen zu orientieren.

Im Festvortrag begrüßte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in Deutschland, Prof. Dr. Thomas Sternberg,  die Bereitschaft, in den Schulen Verantwortung zu übernehmen und an der Gestaltung des Lebensraumes Schule mitzuwirken. Gerade angesichts der Ausweitung in den Ganztagesbereich seien die Aussagen der Deutschen Bischofkonferenz vor zwanzig Jahren immer noch aktuell. Im Ganztagesbereich sei die Schulpastoral ein Akt der kirchlichen Diakonie.

Bildungskongress: Herausforderungen einer pluralitäts- und differenzsensiblen Schulpastoral Der Jubiläumsfeier war ein Kongress "Pluralitätssensible Schulpastoral angesichts religiöser und kultureller Diversität" mit über 100 Teilnehmende unmittelbar voraus gegangen. Aus schulpädagogischer Perspektive ging die an der Universität Osnabrück tätige Dr. Susanne Müller-Using auf die multikulturelle Situation von Schule ein und appellierte dafür, von den Kinder- und Menschenrechten her die pädagogischen Leitlinien in den Schulen auszurichten. So ergebe sich die Chance, die Verschleierung der strukturellen Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ebenso zu überwinden wie eine unreflektierte Ausübung von Macht. In der Aus- und Fortbildung müsse die Entwicklung einer interkulturellen Kompetenz, die Wissen, Haltungen und Handeln einbeziehe, einen größeren Stellenwert bekommen.

In seiner Response auf diesen Vortrag hob der Religionsdidaktiker Dr. Ulrich Kumher hervor, dass die Erklärung der Bischöfe immer noch aktuell ist, wenn es darum geht, empathiegeleitete Beziehungen zu gestalten und sich mutig der Auseinandersetzung mit fremden Religionen und Kulturen zu stellen. Wichtig sei es, sich in interkulturellen und interreligiösen Überlappungssituationen der Sensibilität für das Humanisierungspotenzial von Religionen und für ihre Ressourcen Lebenssinn und Gemeinschaftsförderung bewusst zu sein und diese situationsbezogen einzuspeisen.

Mit dem Vorsatz, durch seine soziologische Analyse zu provozieren, ging der an der Koblenzer Universität lehrende Prof. Dr. Winfried Gebhardt auf die religiöse und kulturelle Pluralisierung ein, die sich aus Transformationsprozessen und darin befindlichen Binnendifferenzierungen ergeben und die Individuen sowie die Gesellschaft betreffen. Er fragte die Anwesenden, ob sie bereit sind, die Pluralität als Realität und Ausgangspunkt für das eigene Handeln anzuerkennen. Die "extensive Ausbreitung religiöser Indifferenz", die "Selbstermächtigung des religiösen Subjektes" und auch das Kopieren von heiligen Orten und Zeiten in andere Kontexte wie die Popkultur provozieren seiner Meinung nach die Schulpastoral zur Selbstvergewisserung und zu einer klaren Profilierung.

Dass schulpastorale Ansätze und Projekte in der Lage sein können, pluralitätssensibel konkrete Situationen zu gestalten, wurde am Abend deutlich: Aus der Fritz Philippi-Grundschule in Breitscheid stellten sechs Schülerinnen und Schüler ihre Überlegungen, Initiativen und Erfahrungen vor, die sie beim Einüben des gegenseitigen "Wahrnehmens und Ansehens" in einer multikulturellen und vielfältig religiösen Schule gewonnen haben. Die sechs Jugendlichen stammen z.T. aus einer sogenannten "Flüchtlings-" bzw. Integrationsklasse. Sie wurden begleitet von ihrer Religionslehrerin und Schulseelsorgerin Sabine Schüller.
Die Schulleiterin der katholischen Marienschule in Offenbach, Marie Luise Trocholepczy, berichtete von den eindrucksvollen Erfahrungen, die in der Schule gemacht wurden, seit die Entscheidung gefallen war, auch jüdische und muslimische Mädchen in die Schule aufzunehmen.

Ebenfalls erfahrungsbezogen gestaltete die Ordinariatsrätin der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Ute Augustyniak-Dürr, den Einstieg in den zweiten Tag des Kongresses durch einen Perspektivenwechsel. Sechs Jahre hatte sie mit ihrer Familie an der Grenze zu Israel in Palästina Erfahrungen in einer fremden Kultur gesammelt. Daraus hat die Leiterin der Hauptabteilung Schulen einen "interkulturellen Code" entwickelt: Für das Gelingen der Begegnungen seien vor allem das gegenseitige Interesse und eine wechselseitige Wertschätzung, Respekt und eine Dankbarkeit von großer Bedeutung. Zu den zentralen Aufgaben der Schulpastoral zählt aus ihrer Perspektive das Bemühen, Menschen auf dem Hintergrund ihrer Lebenswelt zu verstehen und friedensstiftend zu wirken.

Bereits der Titel "Religionen-sensible Schulpastoral als Beitrag zu einer humanen Schulkultur", den der Wiener Religionspädagoge Prof. Dr. Martin Jäggle seinem Vortrag gegeben hatte, weist darauf hin, dass neben der Pluralitätssensibilität als soziologischem Zugang, in Schulen die Frage nach der Religionen- und Religionssensibilität zu stellen ist. Er plädierte nicht nur dafür, dass Humanität sich in einer Offenheit für die Welt, die Zukunft und die Transzendenz zeige, sondern auch das Fragmentarische berücksichtige, vor allem, wenn Leid, Trauer und Schuld im Schulalltag vorkommen. "Humanität zeigt sich im Umgang mit Schwäche", fügte Jäggle in Anlehnung an den Schulpädagogen Fritz Bohnsack hinzu. In seinem Vortrag setzte er sich überzeugend für einen Ansatz der Differenzsensibilität ein. Nicht die Pluralität stelle das Problem dar, sondern der Kontext, in dem Menschenrechte be- oder missachtet werden. Die Differenzierung sei in der Lage, die scheinbare Gleichheit und damit die Gleichgültigkeit zu entlarven. Auf dem Hintergrund der Reich-Gottes-Botschaft gehe es darum, Handlungsmöglichkeiten als christliche Optionen zu gewinnen und zu bewerten.

Dr. Winfried Verburg, Abteilungsleiter "Schule Hochschule" in der Diözese Osnabrück und Dr. Beate Thalheimer, Referentin für Schulpastoral in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, fassten die Ergebnisse zusammen und schlugen den Bogen zur schulpastoralen Praxis in den Bistümern. Dabei wurde deutlich, dass die Kommunikation mit evangelischen und mit staatlichen Kooperationspartnern verbessert werden soll. Verstärkt müsse in den anderen Religionen nach geeigneten Kooperationspartnern gesucht werden. Außerdem bestehe mit Blick auf öffentliche Schulen und auf Schulen in kirchlicher Trägerschaft ein Entwicklungsbedarf, der der Klärung der differenzierten Profile schulpastoralen Handelns dienen solle. Festgestellt wurde darüber hinaus, dass die Schulpastoral als pastorales Handeln bei den Menschen am Ort Schule in der wissenschaftlichen Forschung und in der innerkirchlichen Öffentlichkeit bislang zu wenig Beachtung finde.

Die aufgeworfene Themen und Fragen der Tagung nahmen die 25 anwesenden Referentinnen und Referenten für Schulpastoral aus dem gesamten Bundesgebiet für die Weiterarbeit, die Vertiefung der Ergebnisse und deren Transfer in die Praxis mit zu der sich anschließenden Bundesfachtagung Schulpastoral in Vallendar.

Text: Dr.  Beate Thalheimer
Foto: Tom Schneider/ TMO-Bilderwelten  

 
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