Schwester Katharina Kluitmann
Geistlicher Missbrauch: Was das
ist und wie man sich schützt

Was sexueller Missbrauch ist, welche gravierenden Folgen er haben und wie man ihm vorbeugt, wissen heute viele. Mit dem geistlichen Missbrauch ist das anders.

Deshalb haben die Geistlichen Gemeinschaften und Säkularinstitute im Bistum Münster ihn zum Gegenstand eines Forums gemacht, zu dem sie sich am 21. März im Priesterseminar Borromaeum in Münster getroffen haben. Als Referentin brachte ihnen Schwester Katharina Kluitmann das schwierige und noch wenig bekannte Thema des Geistlichen Missbrauchs nahe.

Die Franziskanerin ist Psychologin. Als solche arbeitet sie unter anderem im "Centro" in Münster, das psychologische Begleitung für Menschen in geistlichen Lebensformen anbietet. Sie beschreibt geistlichen Missbrauch, für den es noch keine offizielle Definition gibt, als "Sammelbegriff für Formen emotionalen und/oder Machtmissbrauchs im Zusammenhang des geistlichen, religiösen Lebens, vor allem in Formen der Begleitung wie Beichte oder ,Seelenführung‘ sowie in Gemeinschaften und Gemeinden." Ziel sei, den Geist von Menschen ohne deren Einverständnis zu verändern. "Missbrauch kann unbeabsichtigt geschehen, aber nie ohne Vorteil für denjenigen, der oder die missbraucht", erklärt Schwester Katharina.

In ihrem Referat widmete sie sich dem geistlichen Missbrauch, wie er von Gemeinschaften ausgehen kann, und benannte Kriterien für ",totale Institutionen‘, die alle Lebensbereiche umfassen und Gedankenkontrolle anstreben. Diese kontrollierten etwa die Beziehungen ihrer Mitglieder zur Umwelt und drängten sie zur "Reinheit" im Sinne absoluter Perfektion. Sie gäben sich den Anschein einer "heiligen Wissenschaft" mit vollkommenen, indiskutablen Positionen und nutzten eine überladene Sprache, um Schwarz-Weiß-Denken zu fördern. Außerdem missbräuchten sie Aussagen aus der "Beichte" als Druckmittel gegen die Beichtenden selbst.

"Einflüsse auf Menschen an deren Freiheit und Einverständnis vorbei sind gegen alles, was unser christlicher Glaube lehrt", betonte Schwester Katharina, "sie sind aber auch langfristig nicht wirksam im vom Täter gewünschten Sinn." Die verursachten Verwundungen allerdings wirkten lange nach. Junge und begeisterungsfähige Menschen oder solche, deren Leben gerade in einer Umbruchphase stecke, seien als mögliche Opfer besonders anfällig. In diesem Zusammenhang riet sie den Geistlichen Gemeinschaften gerade in ihrem Gründungsphasen, in denen große Aufbruchsstimmung und Enthusiasmus herrschten, zu Sensibilität. Zu achten sei unter anderem darauf, dass aus Gründerpersönlichkeiten keine Gurus werden und die Persönlichkeit der einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft sich nicht in der Identität der Gruppe auflösen.

Mit Blick auf die Ursachen erklärte die Fachfrau: "Strukturen können Missbrauch nie verhindern, sie können ihn aber erleichtern – und manche Strukturen würde ich für in sich selbst missbräuchlich halten." Überforderung und unzureichende Ausbildung, mangelnde Reflexion sowie spirituell-theologische Defizite könnten aus Menschen Täter machen.Und: "Verletzte Menschen verletzen Menschen", sagte Schwester Katharina mit Blick auf Menschen, die selbst beispielsweise unter Angst, Narzissmuss oder sadistischer Veranlagung leiden.

Vorbeugend riet sie zur "Kontrollbereitschaft von innen und außen" und warnte vor der "Überbewertung des Ideals auf Kosten menschlicher Realität". Liege bereits geistlicher Missbrauch vor, müsse man ihn wahrnehmen und sich in der Gemeinschaft dazu austauschen. In schlimmeren Fällen seien nicht befangene kirchliche Autoritäten einzuschalten und die Opfer in Sicherheit zu bringen. Danach könne man einen behutsamen Neuanfang wagen. Solch ein Vorgehen sei ein "Akt der Liebe: den Betroffenen gegenüber, also gegebenenfalls mir selbst gegenüber im Sinne des Opferschutzes, weiteren Menschen gegenüber im Sinne der Prävention, den Tätern gegenüber, die sich verrannt haben, im Sinne der Täterarbeit, der Gemeinschaft gegenüber, die nur im Wandel Bestand hat, und der Kirche gegenüber, deren Ansehen leidet."

Text: Bischöfliche Pressestelle / 22.3.17
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