Hilfe für Strafentlassene:
Hilfe für Strafentlassene:
"Alleine schafft das keiner"

In einem Kooperationsprojekt haben das Bistum Münster und die Justizvollzugsanstalt Pont und der Caritasverband Geldern-Kevelaer die Strafentlassenenhilfe in Geldern auf neue Füße stellen können – mit verändertem Konzept und erstmals organisatorisch eng an das Caritas-Centrum angebunden.

Auch eine Wohnung für Strafentlassene wurde in Geldern angemietet. Weiterer Wohnraum wird gesucht. Es ist Frühling, der 12. April, als Viktor G. (37) zum ersten Mal wieder in Freiheit ist. Der Weg in die Freiheit ist nur ein paar Schritte lang, durch die Sicherheitsschleusen, an der Pforte vorbei bis vor die Mauer der Justizvollzugsanstalt Pont. Doch der eigentliche Weg in die Freiheit, zurück in die Welt da draußen, ist viel länger. Nur mit einer Handvoll Sachen und seinem Papagei Jasha verlässt Viktor G. die Haftanstalt. An seiner Seite: Caritas-Mitarbeiter Thomas Bartels, der ihn auf den ersten Schritten in sein neues Leben begleitet.

"Ich hatte Angst und wusste nicht, wohin ich gehen soll", erinnert sich Viktor G. an den Tag seiner Haftentlassung. Fünf Jahre lang hatte er in Pont hinter Gittern gesessen. "Um 6 Uhr ging die Zellentür auf, und es gab Frühstück. Um 12 Uhr ging die Tür auf, und es gab Mittagessen. So ging das jeden Tag. Alles war organisiert, man musste sich um nichts kümmern", erinnert er sich. Als der Tag der Haftentlassung schließlich näher rückt, spürt er keine Erleichterung – im Gegenteil. "Ich war verzweifelt, wusste nicht, was ich nun tun muss", sagt Viktor. G. Nur zurück zu seiner Familie und in sein altes Umfeld nach Bonn wollte er nicht. Durch den Tipp eines Sozialarbeiters der JVA kam er schließlich in Kontakt mit Thomas Bartels, der seit Jahresbeginn für die Caritas in der Strafentlassenenhilfe in Geldern tätig ist. Gemeinsam mit dem Bistum Münster konnte dieser Dienst neu ausgerichtet und aufgebaut werden.

So wie im Fall von Viktor G. versucht Thomas Bartels schon Monate vor der Haftentlassung, eine Vertrauensbasis zu den Klienten aufzubauen – sofern sie seine Hilfe in Anspruch nehmen möchten – und erarbeitet mit ihnen eine Perspektive für das Leben nach der Entlassung. Dabei geht es zunächst um ganz profane Dinge und viel Papierkram. Nicht selten benötigen die Strafentlassenen einen neuen Ausweis, weil der alte abgelaufen ist. Sie brauchen eine neue Krankenversicherung, müssen sich beim Jobcenter melden und vieles mehr. Allein mit Viktor G. ist Thomas Bartels zwei Tage lang unterwegs, um alle Formalitäten für die Krankenversicherung zu erledigen. "Mit so viel Papierkram sind Menschen, die gerade aus der Haft kommen, überfordert. Da ist die Gefahr groß, dass sie einfach den Kopf in den Sand stecken, und alle Probleme gehen vom vorne los", sagt er. Hinzu kommt die Suche nach Wohnraum, um nicht als Obdachloser auf der Straße zu landen. Für die Klienten selbst ist es aus der Haft heraus praktisch unmöglich, eine Wohnung zu finden. Die Caritas hat für solche Fälle eine kleine Apartmentwohnung angemietet, die Strafentlassenen als Übergangswohnung zur Verfügung steht. Hier kommt auch Viktor G. zunächst unter. In dieser Zeit ist Thomas Bartels Organisator, Fahrer, Mutmacher und Psychologe in einer Person. "Jeder Haftentlassene bringt auch ganz persönliche Baustellen mit", sagt Bartels. Zum Beispiel die Kontaktanbahnung mit den eigenen Kindern oder das Verhältnis zur eigenen Familie. Auch hier versucht er zu unterstützen.

Die Jobsuche – ebenfalls ein wichtiges Thema in der Strafentlassenenhilfe – verläuft bei Viktor G. fast reibungslos. In der JVA hat er eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker gemacht und mit der Note "sehr gut" abgeschlossen. Schon vier Wochen nach der Haftentlassung findet einen Job in Alpen, ebenfalls ein wichtiger Baustein zu einem geordneten Leben in Freiheit.

"Ohne Hilfe schafft das keiner", sagt Viktor G. über seinen Schritt in die Freiheit. "Ich habe so viele gesehen, die aus dem Gefängnis entlassen wurden und nach drei Monaten wieder da waren." Entsprechend dankbar sei er, jemanden getroffen zu haben, der ihn versteht und ihm eine Chance gibt. "Ich habe immer im Hinterkopf: Da ist jemand, der für mich da ist. Das gibt mir viel Kraft", sagt Viktor G. Heute ist der 37-Jährige zuversichtlich, dass sein Leben in Freiheit gelingt.

Info:
Um Menschen nach der Haftentlassung begleiten zu können, sucht die Caritas noch weitere Wohnungen. Diese werden vom Caritasverband langfristig angemietet und den Strafentlassenen im Zuge der Resozialisierung als Übergangswohnung für maximal sechs Monate zur Verfügung gestellt. Die Wohnungen sollten in Geldern, Kevelaer oder Straelen zentral liegen, möglichst klein sein und den sozialrechtlichen Vorgaben entsprechen. Gesucht wird außerdem Wohnraum für eine Wohngruppe von 2 bis 3 Personen. Kontakt über Thomas Bartels, Telefon 02831 9102300.

Bildunterschrift: Sozialpädagoge Thomas Bartels hält engen Kontakt mit den Strafentlassenen und hilft ihnen bei vielerlei Problemen, die sich nach der Haftentlassung ergeben.

Text und Foto: Caritasverband Geldern-Kevelaer / Tobias Kleinebrahm