Materialien aller Art, aber immer wohlgeordnet, steht den Kindern zur Verfügung, um ihre Kreativität zu leben
St. Norbert in Bocholt hat sich zur
"Werkstatt-Kita" gewandelt

Außen ist es der gewohnt schmucklose Kindergartenbau aus den 60zigern des vergangenen Jahrhunderts mit hellem Klinker. Innen aber bieten sich den 84 Kindern in St. Norbert vielfältige Lebenswelten in drei "Wohnungen".

Auf einem neuen Schild neben der Eingangstür verkünden Leiterin Karin Stawski und ihr Team aus 13 Erzieherinnen die Idee dazu: "Werkstatt-Kita" steht dort. Das meint keine Werkstatt im herkömmlichen Sinne, obwohl es auch tatsächlich eine Werkbank mit echtem Werkzeug gibt. Vielmehr ist es das besondere Konzept. "In den Räumen sind wir Gastgeber der Kinder", erläutert ihre Kollegin Birgit Lohre-Busch den Grundgedanken. Zusammen haben Stawski und sie an einer Mentoren-Ausbildung teilgenommen und geben ihre Begeisterung über den Wandel im Kita-Alltag von St. Norbert an Kolleginnen weiter.

Auf den ersten Blick ist der Unterschied noch nicht augenfällig, denn verschiedene Themenecken, Flure und Nebenräume unterschiedlich zu gestalten und mitzunutzen ist Standard. Das Besondere steckt im Wie und geht einen Schritt über die "offenen" Konzepte hinaus. Das Wort "offen" hat Karin Stawski verbannt, das klinge nach "Beliebigkeit". So frei die Kinder in St. Norbert zwischen Räumen und Spielmöglichkeiten wechseln, soweit weg sind sie von beliebiger Beschäftigung.

Die Kinder sind hier weitgehend die "Bestimmer", entwickeln Ideen, gewinnen die Erzieherinnen dafür und setzen sie mit ihnen gemeinsam um. Heute haben sie eine "Schreibwerkstatt" mit echter Schreibmaschine und Telefon. Morgen wollen sie einen Friseursalon. Dann setzen sie sich mit ihrer Erzieherin an den Laptop, schauen was man dafür braucht, wo man die Sachen herbekommt und bitten ihre Eltern um Mithilfe.
"Werkstatt" meint in St. Norbert, dass die Spielumgebung nie fertig ist. "Alle halbe Jahre wird eventuell umgestaltet", sagt Stawski. Von der "Angebotspädagogik" hat sich das Team verabschiedet, stattdessen werden immer neue Themenwelten gestaltet, um die Neugierde der Kinder zu wecken, zu befriedigen und sie vielfältig zu fördern. Chaos könnte man da vermuten, tatsächlich herrscht strenge Ordnung nach regio-pädagogischen Maßstäben. Die Stifte stehen nach Farben sortiert in Gläsern, die Kinder wissen, dass sie nach jedem Spiel die Sachen erst wegräumen müssen, bevor sie sich neue holen - und tun dies.
Gruppenräume in dem Sinne gibt es nicht mehr, sondern  drei nach Alter aufgeteilte "Wohnungen" mit jeweils drei entwicklungsspezifischen Werkstatträumen: "Rollenspielwerkstatt,  Bau- und Konstruktionswerkstatt und Atelier“, zählt Lohre-Busch auf. Für die Vorschulkinder in der "Mattisburg" sind zusätzlich eine Forscher- und Magnetwerkstatt eingerichtet. In der Rollenspielwerkstatt ist gerade eine „Schule“ eingerichtet. Bei den drei- bis fünfjährigen Kindern in der Villa Kunterbunt steht tatsächlich eine Werkbank, in die gerade ein Holzbrett eingespannt ist. Mit Säge und viel Phantasie wird daraus ein Bus entstehen, erklärt der fünfjährige Leonardo überzeugt.

Die Kinder lieben die Vielfalt, ihre Kreativität und Neugierde leben zu können, für das Kita-Team ist diese "Konzeption etwas schwieriger", erklärt Karin Stawski. In das derzeitige System der Stundenbuchungen passt diese Flexibilität weniger gut. Vor einigen Jahren sei aber deutlich geworden, dass mit dem bisherigen "offenen" Konzept die Vielfalt der Anforderungen an eine Kita, die Kinder von 0 bis sechs Jahren zwischen 7 und 17 Uhr mit unterschiedlichen Stundenkontigenten betreut, nicht zu erfüllen war. "Elf Dreijährige blieben an meinen Beinen kleben", beschreibt Birgit Lohre-Busch es plastisch. Sie fanden sich nicht zurecht im Kita-Alltag. Letztlich habe man mit den vorhandenen Ressourcen keiner Entwicklungsstufe mehr gerecht werden können.

Zu bedenken sei, dass Kinder heute bis zur Einschulung bis zu fünf Jahre in der Tageseinrichtung betreut werden. Auch am Ende dieser Zeit dürfe es ihnen nicht langweilig werden, müssten sie Möglichkeiten haben, sich ständig weiterzuentwickeln. Jetzt gibt es zwar fast keine Gruppenangebote mehr, aber "wir schauen, dass den Kindern immer Neues und Interessantes für  ihren Forscher- und Entwicklungsdrang  zur Verfügung gestellt wird", sagt Stawski. Für all die anregenden Themenecken braucht es allerdings Raum. Dem Anbau folgt jetzt noch eine Gartenlaube, in der eine zusätzliche Werkstatt  mit Werkbank und echtem Werkzeug in Kürze ihren Platz finden soll.

Wichtig war Karin Stawski, das neue Konzept mit dem ganzen Team umzusetzen und die Eltern zu beteiligen. Wenn Sie jetzt Kolleginnen in anderen Kitas berät, weist sie daraufhin und betont, dass jede Einrichtung innerhalb des Werkstatt-Konzepts ihren eigenen Weg finden muss je nach Rahmenbedingungen. Zwei Jahre ist mit Marion Tielemann als Kursleiterin aus Hamburg an dem Konzept der Mentorenausbildung gefeilt worden. Die Mentorinnen, so erläutert Andrea Kapusta, Referentin im Diözesancaritasverband Münster, können alle Kitas frei buchen, "die sich auf diesen besonderen Bildungsweg machen wollen".

Fertig wird eine Werkstatt-Kita ohnehin nie werden. Aber die ständige Umgestaltung kann in Ruhe angegangen werden. Nach über 80 Kindern hört es sich nicht an in St. Norbert. Überall sind sie in kleinen Gruppen miteinander oder konzentriert einzeln beschäftigt. Das geht überraschend leise.

Bildunterschrift: 

  • Tatsächlich gibt es eine auch eine Werkbank und echtes Werkzeug in der „Werkstatt-Kita“, an der gerade in Teamwork aus einem Brett mit Säge und viel Phantasie ein Bus entsteht.
  • Kette - Materialien aller Art, aber immer wohlgeordnet, steht den Kindern zur Verfügung, um ihre Kreativität zu leben.

 

Text: Harald Westbeld, Diözesancaritasverband
Kontakt: presse@caritas-muenster.de
Fotos: Harald Westbeld/Caritas Münster

 
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