Nato-Botschafter Lucas:
Wertbezogene Sicherheitspolitik
Thema der "Domgedanken"

Ein starkes Plädoyer für Frieden, Europa und das transatlantische Verteidigungsbündnis Nato hat Dr. Hans-Dieter Lucas, Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der Nato, am Mittwochabend im Rahmen der Vortragsreihe "Domgedanken" gehalten.

Unter dem Titel "Die Welt aus den Fugen. Wertbezogene Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert" ging der Diplomat auf den Umgang mit Unsicherheiten, Herausforderungen und Gefährdungen ein. Sein Credo: "In einer globalisierten Welt schafft es niemand alleine, Werte wie Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie Souveränität und Wohlstand zu schützen und zu verteidigen." Vielmehr sei es unabdingbar, dass Institutionen wie die Nato und die Europäische Union aber auch die Vereinten Nationen (UN) und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zusammenarbeiteten, Synergien nutzten und mit Wachsamkeit, Klarheit und Festigkeit für die Werte einstünden, die sie ausmachten. Denn: "Die Nato ist 1949 gegründet worden mit dem Ziel des Erhalts von Frieden und Sicherheit und der Vision einer dauerhaften Friedensordnung unter Einbezug Russlands. Als Bekenntnis zu gemeinsamen Werten, als Absage gegen Krieg und Diktatur, basierend auf Demokratie, Menschenrechten und Rechtstaatlichkeit. Das galt damals und gilt heute."

"Wir müssen immer neu um Frieden ringen¬", machte Lucas im St.-Paulus-Dom deutlich. Dazu gehöre vor allem eine Politik der kleinen Schritte und Geduld, statt eines strategischen Totalentwurfs. Diese Politik müsse offen sein für Ambivalenzen und Nuancen. "Wir müssen bereit sein, auch mit einem Gegenüber zu verhandeln, dessen Ansichten auf einem komplett anderen Wertesystem fußen, als dem unsrigen. Wer nur mit den Guten spricht, wird schlechte Verhältnisse nicht zum Besseren wenden", betonte er.
Um in einer Welt und Gesellschaft, die nicht nur Bedrohungen wie kriegerischen Auseinandersetzungen, Terrorismus und Fundamentalismus ausgesetzt ist, sondern auch hybriden Konfliktformen wie Cyber-Angriffen, müsse es Ziel sein, die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft zu stärken. "Das gelingt vor allem durch diplomatische Bemühungen, die Stabilisierung von Krisenregionen, Entwicklungspolitik und Flüchtlingshilfe", erklärte Lucas, der immer wieder seinen Standpunkt verdeutlichte: "Konflikte müssen und können politisch gelöst werden. Militärische Interventionen dürfen nur als allerletzte Option in Erscheinung treten."
Immer wieder betonte der Referent, dass die globalen Herausforderungen für eine Organisation zu hoch seien. Lucas machte in dem Zusammenhang auf die Notwendigkeit der engeren Zusammenarbeit Europas und der Nato aufmerksam. "Das bedeutet auch, dass die EU in ihre Sicherheit und Verteidigungskraft investieren muss", machte er deutlich. Die EU müsse stärker eigene Fähigkeiten entwickeln, um sich und ihre Werte zu schützen. Konflikte dürften nicht nur kommentiert werden, die EU, allen voran Deutschland als nach den USA zweitstärkstes Mitglied der Nato, müsse sich auch intensiver aktiv einbringen. Das, so der Diplomat weiter, "stärkt das gesamte Bündnis."

Der Fokus des Verteidigungsbündnisses Nato in Richtung Osten habe sich an die südlichen Grenzen verschoben, merkte Lucas an. "Das stellt uns vor eine neue strategische Herausforderung. Die Antworten darauf sind komplex." Vor allem müsse die Nato die Länder der betreffenden Regionen befähigen, den für sie existenziellen Bedrohungen selbst entgegenzuwirken, wie zum Beispiel in Afghanistan durch die Ausbildung regionaler Sicherheitskräfte.

Auch das Verhältnis der Nato zu Russland sprach Lucas an: "Mit der Annexion der Krim, dem Einmarsch in die Ost-Ukraine hat die Regierung Russlands gezeigt, dass die Durchsetzung politischer Ziele mit militärischer Macht für sie ein probates Mittel darstellt. Die multinationale Präsenz der Nato an ihren Ostgrenzen, wie in Polen oder Litauen, dient daher nicht dem Aufbau offensiver Strukturen, sondern der Prävention durch Abschreckung." Gemeinsam mit dem Dialog, der nicht abreißen dürfe, hoffe man, so eine Eskalation zu verhindern. "Wir müssen im Gespräch bleiben, auch wenn es noch so schwierig ist. Nur so kann Vertrauen wieder aufgebaut werden", sagte der Diplomat nachdrücklich.

"Pax optima rerum – Der Friede ist das Beste aller Dinge", brachte es Lucas zum Ende des Abends und auch zum Ende der diesjährigen Vortragsreihe "Domgedanken" auf den Punkt. In kaum einer anderen Stadt sei diese Tatsache so verwurzelt wie in Münster. Sei doch schließlich ebendort und in Osnabrück der bisher längste Krieg auf europäischem Boden, der 30-jährige Krieg, durch den Westfälischen Frieden von 1648 beendet worden. Durch Diplomatie und Dialog.

Die Vortragsreihe "Domgedanken" führt das Domkapitel des St.-Paulus-Doms jährlich zu wechselnden Oberthemen mit Unterstützung des Unternehmens Evonik Industries durch.

Bildzeile: Sprach im Rahmen der Vortragsreihe "Domgedanken" zum Thema "Die Welt aus den Fugen. Wertbezogene Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert": Dr. Hans-Dieter Lucas, Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der Nato.

Text: Bischöfliche Pressestelle / 14.09.17
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