Bischof Wilmer wirbt für Dialog und Empathie in einer polarisierten Gesellschaft

, Stadtdekanat Münster

„Wir müssen unsere Sinne neu schärfen.“ Mit diesem Appell hat der neue Bischof von Münster, Dr. Heiner Wilmer, beim Podium „Verantwortung für eine Gesellschaft in Unruhe“ in der katholischen Akademie Franz Hitze Haus in Münster dafür geworben, in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft stärker aufeinander zu hören. Die Kirche könne dazu beitragen, indem sie Räume für Begegnung und Dialog eröffne und Menschen ermutige, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Rund 350 Gäste waren zu der Veranstaltung gekommen.

Wilmer diskutierte am 10. Juli mit der Moraltheologin Prof. Dr. Katharina Klöcker aus Erfurt und der Düsseldorfer Staatsrechtlerin Prof. Dr. Charlotte Kreuter-Kirchhof über Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Verantwortung von Kirche angesichts wachsender Polarisierung.

Für Wilmer steht fest: Christlicher Glaube beginnt mit dem Hören. „Was berührt uns? Was bewegt unser Herz? Und wie gelingt es uns, Menschen wirklich wahrzunehmen?“ An einem Beispiel aus Paris machte der Bischof deutlich, wie er sich die Kirche in einer pluralen Gesellschaft vorstellen kann. Dort sei eine Kirche bewusst als ein offener Ort für Stille, Begegnung und Gespräch gebaut worden. „Wie gelingt es uns als Kirche, Raum und Zeit zur Verfügung zu stellen, damit Menschen neu hören – auf sich selbst, auf den anderen und auf den je Größeren?“, fragte der Bischof. Genau darin sehe er einen wichtigen Auftrag der Kirche in der Gegenwart.

Ausgangspunkt des Abends war ein Impulsvortrag der Moraltheologin Klöcker. Sie beschrieb das Zuhören als eine Grundvoraussetzung demokratischen Zusammenlebens. Demokratie brauche „Hellhörigkeit“ – die Bereitschaft, auch Zwischentöne wahrzunehmen, Unsicherheiten auszuhalten und sich immer wieder selbst zu hinterfragen. Dem stellte sie autoritäre Denkweisen gegenüber, die sich durch Abschottung und mangelnde Empathie auszeichneten.

Ein Gedanke aus Klöckers Vortrag habe ihn besonders beschäftigt, sagte Wilmer: der zunehmende Mangel an Empathie. Mit Blick auf Stimmen, die Mitgefühl als Schwäche abwerteten, plädierte er dafür, der jüdisch-christlichen Tradition neu Gehör zu verschaffen. Sie erinnere daran, dass Gott den Menschen in seiner ganzen Verletzlichkeit ernst nehme – „mit Weinen, mit Lachen, mit Erfahrung, mit Empathie, mit Zorn, mit Liebe“.

Charlotte Kreuter-Kirchhof unterstrich die Bedeutung des Zuhörens für Demokratie und Rechtsstaat. Demokratie lebe davon, dass Menschen Gehör fänden und unterschiedliche Positionen im Gespräch blieben. Das rechtliche Gehör sei ein Grundprinzip des demokratischen Rechtsstaates. Darüber hinaus brauche es aber Orte, „die Menschen zusammenführen“, sagte die Staatsrechtlerin. Es gehöre zur gesellschaftlichen Aufgabe der Kirchen, solche Räume zu eröffnen und damit zum Zusammenhalt beizutragen. Das sei sogar eine Erwartung, die der demokratische Staat an die Kirchen habe.

In der Diskussion stellte sich Wilmer auch einer Publikumsfrage zum Umgang der katholischen Kirche mit der AfD. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz verwies auf die Erklärung der Bischöfe „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“. Grundlage christlichen Handelns sei die gleiche Würde aller Menschen. „Es kann nicht sein, dass Sätze wie ‚deutscher Boden für deutsches Blut‘ unwidersprochen bleiben“, sagte Wilmer. Wenn solche Positionen vertreten würden, müsse die Kirche Stellung beziehen und den gesellschaftlichen Diskurs suchen. „Wir müssen reagieren. Wir müssen darüber reden.“

Ann-Christin Ladermann