
Dr. Markus Toppmöller
© privatIch gebe zu: Ich bin ein Fan meines Smart Homes. Abends drücke ich einen Schalter – die Musik wird automatisch leiser und endet nach einigen Minuten. Mein Lichtwecker synchronisiert sich mit dem Handywecker, sodass mich am nächsten Morgen ein künstlicher Sonnenaufgang weckt – zusammen mit den Nachrichten in passender Lautstärke. Ein bisschen ungewöhnlich, aber für mich sehr praktisch: Sogar mein Briefkasten ist „smart“. Ein von mir eingebauter Sensor meldet mir, wenn Post eingeworfen wurde.
So sehr ich das genieße, so sehr kenne ich auch die Schattenseiten. Wenn wieder ein Update fehlschlägt und Automationen ausfallen, beginnt die nervige Fehlersuche. Dann zeigt sich: Technik spart nicht immer Zeit, manchmal frisst sie sie geradezu auf.
Natürlich bietet Digitalität enorme Erleichterungen. Videokonferenzen machen viele zeitraubende Fahrten überflüssig. Dokumente lassen sich schnell digital signieren und verschicken. Und mit den Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz stehen uns neue Möglichkeiten bevor, deren Potenzial wir heute noch gar nicht einschätzen können. All das ist ein Gewinn – wenn es uns wirklich dient.
Doch aus meiner Erfahrung kann die Digitalisierung auch eine andere Seite zeigen. Digitale Kommunikation reißt uns in ständige Erreichbarkeit hinein. Die Post kommt nicht mehr einmal am Tag, sondern sekündlich. Arbeit verdichtet und beschleunigt sich. Und wenn Systeme ausfallen, steht vieles plötzlich still. Die Technik, die uns entlasten sollte, kann uns so auch abhängig machen.
Gerade die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, den eigenen Umgang mit digitalen Medien zu hinterfragen. Natürlich kann man die Technik nicht einfach komplett abschalten – im Beruf ist das schlicht oft unmöglich. Aber privat haben wir zumeist Wahlmöglichkeiten. Wir können Social Media begrenzen oder uns bewusst Auszeiten nehmen. Wenn wir sie bewusst und sinnvoll einstellen, können uns Apps sogar dabei helfen: Sie erinnern uns daran, bestimmte Anwendungen nur zu festgelegten Zeiten zu nutzen oder begrenzen die Dauer, die wir mit ihnen verbringen. Vor allem können wir uns fragen: „Will ich das gerade – oder zwingt mich die Technik dazu?“ Fastenzeit bedeutet dann nicht Verzicht um des Verzichts willen, sondern neu zu entdecken, wer hier wem dient. – Ganz im jesuanischen Sinn: Metanoia!
Ich selbst merke, wie heilsam es sein kann, offline zu sein. Beim Wandern in Südfrankreich habe ich im letzten Sommer die Natur einfach so genossen – ohne den ständigen Blick aufs Handy und das Teilen von Fotos. Solche Momente schenken Tiefe, weil sie frei machen für das, was unmittelbar da ist. Natürlich habe ich mir auf dem Höhepunkt einer Etappe auch das ein oder andere Erinnerungsfoto gegönnt.
Die Fastenzeit lädt uns ein, unseren Alltag wieder bewusster zu gestalten. Sie ist keine Absage an Technik, sondern eine Einladung, sie in ein gesundes Maß zu bringen. Wer sich Freiräume schafft – ohne ständige Nachrichten, ohne dauernden Druck – erlebt oft eine neue Freiheit. In solchen Momenten wird auch Raum frei für Begegnung mit Gott: im Gespräch, in der Natur, in der Stille. Vielleicht ist das die eigentliche Klugheit – dass wir die Technik nutzen, ohne uns von ihr beherrschen zu lassen.
