Eröffnung der Misereor-Fastenaktion in Recklinghausen mit Jürgen Becker

, Kreisdekanat Recklinghausen

Seit mehr als 25 Jahren ist es eine gute Tradition in Recklinghausen, die Fastenaktion des Bischöflichen Hilfswerks Misereor mit einer besonderen Veranstaltung zu eröffnen. Dazu kamen in diesem Jahr rund 150 Gäste in der Sparkasse Vest zusammen. Sie bot ein stimmungsvolles Umfeld für eine bistums- und stadtweite Eröffnung. Besonders geprägt wurde der Abend vom Auftritt des Kölner Kabarettisten Jürgen Becker.

„Was auf Bundesebene möglich ist, das geht auch in Recklinghausen“, sagt Maria Voß, die sich seit vielen Jahren im Arbeitskreis Eine Welt des Stadtkomitees der Katholiken Recklinghausen engagiert und maßgeblich an der Organisation der Fastenaktionen beteiligt ist. Ihr Antrieb ist unverändert: „Wir können mit unserem Engagement viele Menschen weltweit unterstützen. Ohne den Blick nach außen gibt es auch für uns keine Zukunft. Die Welt ist verwoben.“

Unter dem diesjährigen Leitgedanken „Hier fängt die Zukunft an“ rückt Misereor ein Ausbildungsprojekt der Partnerorganisation CODAS Caritas Douala in Kamerun in den Mittelpunkt. Jugendliche erhalten dort die Möglichkeit, eine qualifizierte Berufsausbildung zu absolvieren – vom Bäckerhandwerk bis zur Elektrotechnik. „Die nachhaltigste Investition ist die in Menschen und ihre Bildung“, betonte Dr. Andreas Frick, Hauptgeschäftsführer von Misereor. Mit Blick auf Maria Voß fügte er hinzu: „Wer Solidarität im Herzen hat, kann etwas bewegen.“ Jede Spende in der Fastenaktion sei daher eine konkrete Investition in Gerechtigkeit und Zukunft.

Humor stiftet Gemeinschaft und öffnet Perspektiven

Jürgen Becker begeisterte das Publikum mit Auszügen aus seinem aktuellen Programm „Die Ursache liegt in der Zukunft“ und im Gespräch mit Moderator Dr. Ansgar Kortenjann, Leiter der Volkshochschule Recklinghausen. Dabei zeigte er sich nicht nur als gesellschaftskritischer Kabarettist, sondern als engagierter Bürger. Offen berichtete er über seine Hilfseinsätze für die Ukraine und seine Mitarbeit bei den Tafeln. Immer wieder spannte er den Bogen zu Verantwortung, Solidarität und der Frage, wie Menschen trotz Krisen mutig in die Zukunft schauen können.

Ein zentrales Motiv seiner Ausführungen war die Bedeutung von Humor. Becker beschrieb ihn als ein Mittel, das starre Gewissheiten aufbrechen kann und Menschen befähigt, schwierige Themen auszuhalten und miteinander ins Gespräch zu kommen. So zog sich sein Plädoyer für eine lebendige Demokratie wie ein roter Faden durch den Abend: Eine Gesellschaft brauche Zusammenhalt, gegenseitiges Verständnis und die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Humor könne dazu beitragen, weil er Gemeinschaft stifte und neue Perspektiven öffne. Und eines sei sicher: „Die Zukunft ist immer ungewiss. Das ist das Markenzeichen der Zukunft. Das ist im Grunde wie beim Fußball. Warum gehen die Leute dahin? Ja, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“

Jürgen Becker spricht zum Publikum.

Jürgen Becker begeisterte das Publikum mit Auszügen aus seinem aktuellen Programm „Die Ursache liegt in der Zukunft“.

© Bistum Münster

Jürgen Becker im Interview

Sie verbinden in Ihren Programmen Humor, politische Bildung und eine klare Haltung. Woher kommt Ihr persönliches Interesse an entwicklungspolitischen Themen – und was reizt Sie gerade an der Zusammenarbeit mit Misereor?

Jürgen Becker: Um unsere freie Gesellschaft gegen autoritäre, rechtsextreme Kräfte zu verteidigen, sollten alle zusammenarbeiten, die sich eine demokratische, solidarische Welt wünschen. Religiöse Überzeugungen sollten hinter der Frage zurückstehen, ob unser gemeinsames Tun die Situation der Menschen dieser Erde verbessert oder nicht. 

Das Misereor-Motto „Hier fängt Zukunft an“ könnte fast aus Ihrem Bühnenprogramm stammen. Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der Frage, wie wir als Gesellschaft die nächsten Jahrzehnte gestalten. Welche gedanklichen Schnittmengen sehen Sie zwischen Ihrem Programm und der Fastenaktion?

Jürgen Becker: Alle, die ihre sieben Sinne beieinanderhaben spüren, dass nach sieben Jahrzehnten ständig steigenden Wohlstands in Deutschland diese Ära zu Ende geht. Das bisschen Wachstum, was wir jetzt vielleicht noch erwirtschaften, geht für Transformation, Verteidigung und den Erhalt der Infrastruktur drauf. Insofern stellt sich unabhängig vom Fasten jedem die Frage: Was gewinnen wir, wenn wir verzichten?

Jürgen Becker

Kabarettist

Sie treten oft als „Aufklärer mit Kabarett“ auf und scheuen nicht die großen Fragen – auch nicht die kirchlichen. Wie blicken Sie aus diesem Blickwinkel auf die Weltkirche und ihre Verantwortung im globalen Kontext?

Jürgen Becker: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Nachfolger Donald Trumps sein Vize  J.D. Vance wird und der ist überzeugter Katholik. Was zeigt, dass der Katholizismus auch heute noch eine offene Flanke zur Barbarei und zum Autoritarismus hat. Insofern muss man die katholische Kirche in jedem Einzelfall skeptisch und sorgfältig prüfen. Sie kann Brutstätte des Bösen sein oder wunderbare Dinge bewegen. Die „Weltkirche an sich“ gibt es nicht.

Humor ist Ihr Werkzeug, um gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen, ohne zu moralisieren. Welche Rolle spielt Humor für Sie, wenn es um Themen wie Gerechtigkeit, globale Verantwortung oder Solidarität geht? Kann Lachen ein Motor für Engagement sein?

Jürgen Becker: Lachen ist ein Reflex, den wir nicht genau steuern können. Insofern ist Humor immer eine Form von Kontrollverlust, den autoritäre Herrscher fürchten. So passt der Prozess eines Moskauer Gerichtes gegen den Düsseldorfer Jacques Tilly perfekt in dieses Bild. Der Despot Putin hat Angst vor Pappmaché und einem Karnevalszug am Niederrhein. Vor der russisch-orthodoxen Kirche aber muss Putin keine Angst haben. Die ist dem Kriegsverbrecher im Kreml treu ergeben. Man könnte es also so zusammenfassen: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt und Religion ist, wenn man trotzdem stirbt. In jedem Fall aber gilt: Eine Religion ohne Humor ist brandgefährlich.

Weitere Informationen zur Fastenaktion gibt es auf der Homepage von Misereor.

Michaela Kiepe