Frage nach Verantwortlichkeiten bei Missbrauchsfällen bleibt

, Bistum Münster

„Im Umgang der katholischen Kirche im Bistum Münster mit dem Thema des
sexuellen Missbrauchs gibt es einen Umschwung. Vertuschungsmechanismen funktionieren heute nicht mehr so wie früher. Und dieser Wandel ist notwendig, denn wir reden über Verbrechen“, sagt Karsten Weidisch, Pastor in der Pfarrei St. Joseph Münster-Süd am Mittwochabend.

Infoabend zum Thema des sexuellen Missbrauchs

Zu einem Informationsabend zum Thema „Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ hatte der Pfarreirat der Pfarrei St. Joseph Münster-Süd eingeladen. Unser Bild
zeigt (v.l.) Volker Tenbohlen, Vorsitzender des Pfarreirats, Karsten Weidisch, Koordinator des Institutionellen Schutzkonzeptes (ISK) in St. Joseph Münster-Süd, Peter Frings, Interventionsbeauftragter des Bistums Münster, sowie Margit Koch vom Pfarreirat.

© Bischöfliche Pressestelle/Jule Geppert

Der Pfarreirat hatte unter dem Titel „Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ zu einem Gesprächsabend eingeladen. Neben Weidisch, Koordinator des Institutionellen Schutzkonzeptes (ISK) in St. Joseph Münster-Süd, ist auch Peter Frings, Interventionsbeauftragter des Bistums Münster, der Einladung gefolgt. Er sagt: „In den vergangenen sechs Monaten haben wir im Bistum schon Einiges auf den Weg bringen können, um Betroffenen die Hilfestellungen zu geben, die sie benötigen.“

Mehr als 50 Menschen sind am Mittwochabend in der Heilig-Geist-Kirche in Münsters Süden zusammengekommen, um darüber zu sprechen, wie die katholische Kirche im Bistum Münster mit dem Thema der sexualisierten Gewalt sowie mit Betroffenen und Beschuldigten umgeht. Mit Peter Frings gibt es seit sechs Monaten eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene. „Zum ersten Mal wird Betroffenen richtig zugehört“, macht ein Mann aus dem Publikum deutlich. Er selbst habe die Erfahrung gemacht, dass ihm nicht zugehört worden sei: „Verantwortliche weigern sich seit Jahrzehnten, an der Aufklärung der Fälle sexuellen Missbrauchs mitzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen“, stellt er seine Erfahrungen vor. Enttäuschend sei, dass sich niemand von den Verantwortungsträgern schuldig bekenne, ergänzt eine Besucherin und fährt fort: „Da haben wir eine Glaubwürdigkeitslücke.“

Das Bistum, erklärt Frings, habe zum Beispiel nun dafür gesorgt, dass die Ansprechpersonen für Betroffene im Internet leichter zu finden sind. Es gebe auch eine unabhängige Anwältin, die den Betroffenen auf Wunsch zur Seite gestellt werde, und das Bistum habe die Westfälische Wilhelms-Universität beauftragt, alle Akten seit 1945 zu sichten, und den Umgang des Bistums mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs herauszuarbeiten. „2022 ist diese unabhängige Studie unter Leitung des Historikers Prof. Dr. Thomas Großbölting abgeschlossen. Dann wird die Frage lauten: Was können wir aus den Erkenntnissen ableiten, auch um Strukturen zu verändern, die Missbrauch begünstigen können“, stellt Frings fest. 
Außerdem macht er deutlich: „Jeder Verdachtsfall wird der Staatsanwaltschaft übergeben.“ Grundlegende Maxime sei aber, dass es nur zu einer Anzeige käme, wenn die Betroffenen es möchten. 

Augen aufhalten und Menschen für das Thema der sexualisierten Gewalt sensibilisieren – das sei grundlegend wichtig, erklärt Weidisch. Und es sei auch ein Grundgedanke der Institutionellen Schutzkonzepte, die jede Einrichtung und jede Pfarrei erarbeitet oder bereits erarbeitet hat. „Jeder, der mit Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen arbeitet, muss an einer speziellen Schulung teilnehmen und ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen“, gibt er einen Einblick und betont weiter: „Wir dürfen nichts ausblenden, nichts vertuschen und nichts tabuisieren. Denn da, wo über sexuellen Missbrauch gesprochen wird, wo es Ansprechpersonen für Betroffene gibt, wo man sensibilisiert ist: dort kann Missbrauch nicht  oder schwieriger geschehen.“ 

Wie sehr das Thema die Pfarrei und die Menschen beschäftigt, zeigen an dem Abend die Wortmeldungen aus dem Publikum. Der Pfarreiratsvorsitzende Volker Tenbohlen und Pfarreiratsmitglied Margit Koch moderieren die Veranstaltung. Was in den Strukturen des vertikal ausgerichteten Systems Kirche geändert werden müsse, um Machtmissbrauch vorzubeugen, ist eine Frage. Warum nur Symptome behandelt würden, nicht aber die Ursache der unterdrückten Sexualität durch die kirchliche Sexuallehre und den Zölibat, eine andere.

„Eltern haben noch Vertrauen in uns als Kirche“, stellt Margit Koch abschließend fest. „Wir müssen sensibel sein für das Thema des sexuellen Missbrauchs, zuhören und die Kinder stärken, indem wir sie ernst nehmen. Kinder brauchen eine Haltung von Erwachsenen. Dann lernen sie auch, ‚Nein‘ zu sagen“, sagt die Pädagogin. 

Julia Geppert