Mahnender Mühlstein und Ausstellung "Der Fluch" machen auf sexuellen Missbrauch aufmerksam

, Bistum Münster

„Wir brauchen Ämter, vielleicht sogar ein Ministerium, für Opferschutz, Aufklärung und Prävention.“ Das hat jetzt Johannes Heibel betont. Er ist Vorsitzender der bundesweit und auch international agierenden Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Zwei ihrer Projekte werden ab Ende September in Münster zu sehen sein.

Auf der Rückseite des St.-Paulus-Doms wird der „Mahnende Mühlstein“ aufgestellt werden. Er erinnert an die Opfer sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche. Und im Kreuzgang des Doms wird die Ausstellung „Der Fluch“ gezeigt. Die Plastik „Der Fluch“ steht für das Leid und die ausweglose Situation betroffener Kinder. Zu der Eröffnungsveranstaltung am Mittwoch, 26. September um 10 Uhr sind alle Interessierten eingeladen. Sie wird unter anderem vom emeritierten Weihbischof Dieter Geerlings, dem Chor der Hildegardisschule und von Johannes Heibel gestaltet.

Heibel erläutert, dass der „Mahnende Mühlstein“, der einen Durchmesser von 1,40 Metern hat, vom Bildhauer und Steinmetz Bruno Johannes Harich gestaltet wurde. In den Stein hat er das folgende Bibelzitat gemeißelt: „Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“ „Hiermit wollen wir nicht nur ein Zeichen setzen und Erwachsene an ihre große Verantwortung gegenüber Heranwachsenden erinnern, sondern auch Diskussionen anstoßen: Die Würde und Unversehrtheit von Kindern und Jugendlichen darf niemals verletzt werden“, sagt Heibel. Der tonnenschwere Mühlstein symbolisiere aber auch die große Last der Opfer.

Ähnliches macht auch die im Gießverfahren aus rostendem Eisen hergestellte Plastik „Der Fluch“, deren Idee auf den Künstler Stephan Balkenhol zurückgeht. „Der Rost steht symbolisch für Schmutz und das Blut der Kinder“, erläutert Heibel und macht die Problematik sexuellen Missbrauchs deutlich: „Menschen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, werden allzu oft von der Gesellschaft ausgegrenzt und im Stich gelassen. Sie fühlen sich schuldig, schmutzig und mit einem Makel behaftet. Es ist wie ein schlimmer Fluch, der auf ihnen lastet und von dem sie sich nicht befreien können. Täter hingegen stehen häufig im Mittelpunkt des Interesses, leugnen ihre Taten und sind nicht bereit, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen.“ Selten gelinge es den Opfern, Scham und Angst zu überwinden und sich jemandem anzuvertrauen. Selbst die Verurteilung eines Täters verbessere kaum die Situation des Opfers. Dies gelte insbesondere auch deshalb, weil in Deutschland Eigentumsdelikte noch immer höher bestraft würden als Gewaltdelikte an Kindern, kritisiert Heibel: „Eine Gesellschaft, die so deutlich macht, dass ihnen Kinder nicht so viel bedeuten wie der Schutz von materiellen Gütern, leitet damit selbst ihren Untergang ein. Die Gesellschaft entmenschlichst sich damit selbst.“

Nach Einschätzung Heibels ist insbesondere durch die Initiative des Jesuitenpaters Klaus Mertes allerdings die Sensibilität im Blick auf das Thema seit 2010 spürbar gewachsen. Dank Mertes und der von ihm ausgelösten Welle der Empörung habe plötzlich jeder gewusst, dass viele von sexuellem Missbrauch betroffen seien. „Leider hat dies bis heute nicht dazu geführt, dass es zu spürbaren, grundlegenden Verbesserungen im Kinder- und Jugendschutz gekommen ist. Opfer fühlen sich nach wie vor gesellschaftlich im Stich gelassen und auch von der Justiz unwürdig behandelt. Es gibt bis heute keine angemessene Hilfe staatlicherseits, kein Amt, keine Behörde die sich umfassend um die Belange der Opfer kümmert“, kritisiert Heibel.

Er plädiert für Ämter auf Stadt-, Kreis- und Landesebene mit Fachberaterteams aus Psychologen, Juristen, Sozialarbeitern und Kriminalisten, also erfahrenen Ermittlern. Diese Fachberaterteams sollten möglichst jedem Anfangsverdacht nachgehen. Das würde auch dazu führen, die Strafjustiz merklich zu entlasten. „Kinder aufklären, sie stark machen reicht nicht aus. Wir müssen sie auch vor Erwachsenen schützen, die es nicht gut mit ihnen meinen und insbesondere vor denen, die Kindern bereits Leid angetan haben. Das Controlling von Misshandlern muss neu überdacht und ausgebaut werden“, fordert Heibel. In diesem Zusammenhang erkennt Heibel an, dass die katholische Kirche sich in den letzten Jahren sehr im Kampf gegen sexuellen Missbrauch engagiere. „Allerdings würde ich mir wünschen, dass die Kirche stärker ihr eigenes System, ihre eigenen Strukturen und den Klerikalismus hinterfragt“, betont er.

Info/Vita:
Johannes Heibel: Jahrgang 1955, Diplom-Sozialpädagoge (FH), viele Jahre unter anderem tätig in der Arbeit mit jungen Menschen mit Behinderung und in der offenen Jugendarbeit.
1993: Mitgründer der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Im Rahmen dieser Initiative setzt er sich bundesweit und darüber hinaus für misshandelte Kinder und Jugendliche ein. Er ist zudem Autor und Künstler. Unter anderem hat er das Mahnmal gegen Kindesmissbrauch: „Denk mal nach! – Kunst macht sichtbar“ (Standort FEZ Berlin, Köpenick) und die Kunstausstellung „Vorsicht Mensch! – Kunst macht sichtbar“, gemeinsam mit dem Künstlerehepaar Nadja Stemmer und Georg Schweitzer (Das Änderungsatelier, Karlsruhe), konzipiert. Als sein Lebensziel bezeichnet er es, „mit anderen gemeinsam daran zu arbeiten, den Kinder- und Jugendschutz in Deutschland endlich wirkungsvoll zu verbessern.“