Orte für Gestrandete: Kirchen sollen mehr als reine Gottesdiensträume sein

, Bistum Münster, Kreisdekanat Wesel

„Eine große Kunstinstallation wie dieser Wal ist in einer Kirche heute nicht mehr völlig ungewöhnlich“, hat Professor Norbert Köster von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Münster zu Beginn seines Vortrags „In der Kirche gestrandet: Kirchenräume als öffentlicher Raum in Mittelalter und Neuzeit“ im Xantener Dom berichtet. Manche würden sich aber doch fragen, ob in einem Sakralraum Kunstprojekte, Podiumsdiskussionen, Lesungen und Quizabende etwas zu suchen hätten. 

Norbert Köster steht vor dem Wal-Kunstwerk in Xanten.

Norbert Köster sprach im Xantener Dom über die Nutzung von Kirchenräumen im Wandel der Zeit.

© Jürgen Flatken

Köster zeigte auf, dass Kirchen in der Antike und im Mittelalter viele soziale Funktionen erfüllten. „Erst im 19. Jahrhundert kommt die Entwicklung auf, dass in der Kirche nichts anderes stattfinden darf als Gottesdienste. Dieses ,The Cast-Whale-Project´ kann daran erinnern, dass gerade Kirchen Orte für Gestrandete waren.“ Bischof Eusebius von Caesarea habe im vierten Jahrhundert zum Beispiel gesagt, dass die Heiligkeit des Gebäudes von der feiernden Gemeinde komme. „Die Gemeinde heiligt den Bau. Der Bau an sich ist nicht heilig.“ Deshalb könne man ein Kirchengebäude auch wieder profanieren und entwidmen, sagte Köster.  

Als man dann im fünften Jahrhundert begann, Gräber von Märtyrern, von Menschen, die für ihren Glauben gestorben sind, in die Kirchen zu verlegen, änderte sich etwas. Denn diese Gräber galten als heilig. Das führte in einer Zeit, in der es keine allgemeine Gesundheitsversorgung gab, dazu, dass die Menschen überall Hilfe suchten, „auch und gerade an Gräbern von Märtyrern, in der Hoffnung bestärkt und gesund zu werden“. Nicht selten habe man an diesen Gräbern geschlafen, um durch die Heiligkeit der Reliquien des Märtyrergrabs Heilung zu erfahren. „Das können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen, was das für Menschen in der Antike und im Mittelalter bedeutet haben mag, das Grab zu berühren und dort zu schlafen.“ Nicht nur Kranke suchten die Gotteshäuser auf. Auch Bettler und andere Bedürftige waren dort zu finden. „Sie hatten keine Chance zu arbeiten und suchten im Kirchenraum nach Hilfe und Unterstützung.“ 

Frühmittelalterliche Kirchen dienten auch als Versammlungsorte, da es sonst keine großen, öffentlichen Räume gab. „Dort übernachteten auch Pilger, da es kaum Hotels gab, wie wir es heute kennen. Wer nicht privat unterkam, übernachtete dann eben in der Kirche“, brachte es der Professor auf den Punkt. Gleichzeitig waren Kirchen auch Schutzräume vor marodierenden Banden oder in Kriegszeiten. „Wenn man zuhause geblieben wäre, als die kriegerischen Normannen durch Europa zogen, wäre das Leben keinen Pfifferling mehr wert gewesen. Die alten Wehrkirchen, die wir hier auch am Niederrhein und Nordrhein-Westfalen zuhauf haben, erinnern an eine ganz wichtige Schutzfunktion der Kirchen des frühen Mittelalters.“ Die öffentlichen Funktionen des Kirchenschiffs wurden im Mittelalter durch den Lettner, der im Xantener Dom noch steht, von Chorraum abgetrennt. Der Chorraum war allein dem Gebet und der Verehrung der Reliquien vorbehalten.

Erst im 19. Jahrhundert habe der Kirchraum sukzessive seine soziale Funktion verloren und sei zu dem Ort geworden, den „wir heute kennen: einem Ort des Gottesdienstes und der Besinnung“. In vielen Kirchen wie dem Münsteraner Dom wurden die Lettner deshalb im 19, Jh. beseitigt. Die Armenfürsorger, die Sorge um die Waisenkinder, alles wurde ausgelagert in Sozialinstitutionen wie Kranken- und Waisenhäuser. Die Einführung der Sicherungssysteme wie Sozial- und Krankenversicherung tragen ihr Übriges dazu bei. „Damit ist uns etwas sehr Wesentliches verloren gegangen“, bedauert Köster. „Für mich ist dieser Wal hier im Xantener Dom eine Möglichkeit, neu darüber nachzudenken, wer denn heute eigentlich in der Kirche strandet: Was bringen die Menschen, die heute hier reinkommen an persönlichen Anliegen mit? Müssten wir das nicht viel mehr aufgreifen?“ 

Der Wal könne an Vieles erinnern, aber eben auch daran, dass „in früheren Jahrhunderten Menschen hierherkamen, weil sie in ihren Anliegen Hilfe suchten und bei Gott und den Heiligen Hilfe für sich erhofften. Ich bin fest davon überzeugt, dass heute auch noch viele Menschen mit ihren ganz persönlichen Anliegen hierhin kommen. Für mich ist dabei die entscheidende Frage: Was finden die hier eigentlich? Was bieten wir ihnen an und wie kommen wir mit ihnen ins Gespräch?“ Sie kämen ja aus einem Grund in die Kirche, sie würden etwas suchen. Aber vieles, von dem, was im Gotteshaus passiere, verstünden die Menschen nicht mehr. „Insofern ist dieser Rückblick auch eine Einladung, heute einmal darüber nachzudenken, wie wir diesen Raum nutzen und wie Menschen, die hier im guten Sinne stranden, sich aufgehoben fühlen können: Es ist an der Zeit, Kirchen als Orte öffentlicher Religion wieder zu entdecken“, forderte Köster.

Text und Foto: Jürgen Flatken