© Birgit Hüsing

Gemeinsam für Vielfalt

Biodiversität auf Kirchenland

„Der Rückgang der Biodiversität ist neben dem Klimawandel die zweite große ökologische Krise unserer Zeit.“
Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz, unterstreicht im Vorwort zur Arbeitshilfe „Vom Wert der Vielfalt – Biodiversität als Bewährungsprobe der Schöpfungsverantwortung“ die Dimension des aktuellen Rückgangs der Biodiversität und führt weiter aus: „Es ist um ein vielfaches besser und einfacher, Arten zu schützen und Ökosysteme zu bewahren, als einmal aus dem Gleichgewicht geratene Ökosysteme zu ‚reparieren‘ – falls das überhaupt noch möglich ist.“

Der im Mai 2020 veröffentlichte Bericht zur Lage der Natur in Deutschland  hinterlegt diesen Aufruf mit besorgniserregenden Zahlen: Ein Drittel des Bestands der Brutvogelarten ist insbesondere im landwirtschaftlich genutzten Offenland in den letzten zwölf Jahren zurückgegangen. Etwa 70 Prozent der Insektenarten befinden sich in einem „ungünstig-unzureichenden“ oder „ungünstig-schlechten“ Zustand. Es ist die Rede von einem „sechsten großen Artensterben“ (Lingenhöhl 2015).

Viele gesellschaftliche Akteure arbeiten bereits an Maßnahmen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken – auch die Kirche. So stehen kirchliche Eigentümer landwirtschaftlicher Flächen in der Pflicht, ihrer Verantwortung zu einer nachhaltigen Verpachtungspraxis gerecht zu werden.

Ein entsprechendes Handeln kann gelingen, wenn alle Beteiligten gemeinsam und zielorientiert nach Lösungswegen suchen, die allseits ökologisch, ökonomisch und sozial vertretbar und umsetzbar sind.

Um Kirchenvorstände auf diesem Weg zu unterstützen, wurde vom Bischöflichen Generalvikariat (BGV) und der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) das Projekt „Gemeinsam für Vielfalt – Biodiversität auf Kirchenland“ initiiert.

Im Rahmen des Projekts sollen die Kirchenvorstände dabei unterstützt werden, gemeinsam mit ihren landwirtschaftlichen Pächterinnen und Pächtern eine nachhaltige Verpachtungs- und Bewirtschaftungspraxis zu schaffen und somit ihrem Auftrag zur Schöpfungsverantwortung gerecht zu werden.

Der Fokus des Projekts liegt dabei stets auf dem Dialog zwischen allen Beteiligten. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass ambitionierte Ziele nur gemeinsam und in einer von gegenseitigem Verständnis geprägten Atmosphäre erreicht werden können. Ziel ist die Erarbeitung eines Best-Practice-Leitfadens für die Kirchenvorstände.

Weihbischof Rolf Lohmann

Weihbischof Rolf Lohmann

Umweltbischof der Deutschen Bischofskonferenz

FAQ

Was bedeutet Biodiversität?

Schaubild: Fabian Teltrop unter Verwendung von Fotos von Mahmoud-Ahmed/pixabay.de, Capri23auto/pixabay.de und Ulrich Oskamp

Biodiversität beziehungsweise biologische Vielfalt lässt sich grob in drei Dimensionen einteilen (Riede, Klaus; Mutke, Jens;, 1999) (Bundeszentrale für politische Bildung, 2008):

  1. Genetische Vielfalt: Beschreibt die Vielfalt und Variation an Erbanlagen innerhalb einer Art. Diese trägt unter anderem zur Anpassungs- und Reaktionsfähigkeit einer Art an unterschiedliche Umweltbedingungen bei und ermöglichst dadurch das langfristige Überleben einer Art. In diesem Zusammenhang ist es beispielsweise  wichtig, Korridore zwischen isolierten Schutzgebieten von Population zu schaffen,  um genetischen Austausch zu ermöglichen.
  2. Artenvielfalt: Beschreibt die Anzahl unterschiedlicher Arten (in einem Gebiet).
  3. Vielfalt der Ökosysteme: Beschreibt die Vielfalt unterschiedlicher Lebensräume. Dazu zählen beispielsweise verschiedene Gewässer, Äcker, Dauergrünland, Wälder oder Moore.

 

 

Warum ist der Schutz von Biodiversität wichtig?

© Bundesumweltministerium, https://www.bmu.de/WS4559, Steffen et al. 2015, übersetzt

Durch menschliche Einflüsse hat die Biodiversität stark abgenommen. Aktuell ist die Rate, mit der Arten auf unserem Planeten aussterben, um zehn bis mehrere Hundert mal höher als durch natürliche Prozesse in den vergangenen zehn Millionen Jahren hervorgerufen. Dadurch könnte in den nächsten Jahrzenten mehr als eine Million Spezies aussterben.

Die Bewahrung der Schöpfung entspringt unserem ethischen Grundverständnis und ist für uns Christinnen und Christen eine moralischen Pflicht. Es gibt zudem eine Reihe praktischer Gründe, weshalb der Schutz der Biodiversität wichtig ist. Die Vielfalt innerhalb eines Ökosystems und zwischen unterschiedlichen Ökosystemen ist ein wichtiger Faktor für deren Stabilität. Stabile Ökosysteme erfüllen wiederum für uns Menschen unverzichtbare „Ökosystemdienstleistungen“, beispielsweise:

  • Produktion von Sauerstoff
  • Reinigung von Luft und Wasser
  • Abbau organischer Substanz etc.,
  • Lieferung alltäglicher Ressourcen, von unterschiedlichen Hölzern im Baubereich bis zu speziellen Wirkstoffen für Medikamente,
  • Aufbau einer Humusschicht und dadurch Speicherung von CO2,
  • Bestäubungsleistung von Insekten,
  • Pflanzen und Tiere dienen uns seit langer Zeit als Vorbild für technische Konstruktionen und Innovationen, die unseren Alltag erleichtern sowie Ressourcen schonen und Energie sparen.

Dementsprechend bedeutet ein Verlust an Biodiversität eine Gefährdung unserer eigenen, unverzichtbaren Lebensgrundlagen (Quarks, 2019) (Landwirtschaftkammer Nordrhein-Westfalen, 2015).

Die Grafik zeigt das Konzept der planetaren Belastbarkeitsgrenzen an. Für die Erde sind sechs ökologische Bereiche definiert, bei denen ein Überschreiten der Grenzen Folgen für die Menschen hätten. In vielen Bereichen sind die Belastbarkeitsgrenzen nicht definiert, unter anderem bei neuen Substanzen und modifizieren Lebensformen, Ozonverlust in der Stratosphäre, Aerosolgehalt der Atmosphäre oder der funktionellen Vielfalt.

Die Bereiche, in denen die Menschen im sicheren Handlungsraum sind, sind die Versauerung der Meere und die Süßwassernutzung. An der Grenze zum Überschreiten ist die Menschheit beim Bereich Klimawandel und Landnutzungswandel.

Ein hohes Risiko mit Folgen für die Menschheit liegen in den Bereichen genetische Vielfalt und biogeochemische Flüsse, mit sowohl Phosphor als auch Stickstoff.

Was hat das Bistum Münster damit zu tun?

Jedes Jahr verschwinden Tausende Pflanzen- und Tierarten, die wir nicht mehr kennen können, die unsere Kinder nicht mehr sehen können, verloren für immer. Die weitaus größte Mehrheit stirbt aus Gründen aus, die mit irgendeinem menschlichen Tun zusammenhängen. Unseretwegen können bereits Tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen. Dazu haben wir kein Recht“ (LS 33) So warnt Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si‘ nachdrücklich vor dem aktuellen Rückgang der Biodiversität (Papst Franziskus, 2015).

Diesen Aspekt greift die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) in ihren Handlungsempfehlungen zu Ökologie und nachhaltiger Entwicklung für die deutschen (Erz-)Diözesen auf und konkretisiert: „Aus Gründen des Boden- und Wasserschutzes sowie zum Erhalt der Artenvielfalt sollte Kirchenland einen nachhaltigen Umgang erfahren“  (Deutsche Bischofskonferenz, 2018) .

Intensiv wird die Thematik in der 2021 veröffentlichten Arbeitshilfe „Vom Wert der Vielfalt – Biodiversität als Bewährungsprobe der Schöpfungsverantwortung“ analysiert. Schon zu Beginn dieser Arbeitshilfe wird der christliche Auftrag zur Sorge für das „Haus der Schöpfung“ betont. Dabei geht es um eine globale, eine ökologische und eine intergenerationelle Verantwortung.

Handlungsauftrag
Entsprechend ist kirchliches Handeln in zweierlei Hinsicht gefragt. Einerseits gilt es gemäß der DBK einen „Beitrag zur Generierung und Stabilisierung des Wertebewusstseins“ zu leisten um den Wert der Natur im allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein neu zu verankern. Andererseits zählen die Kirchen in Deutschland – somit auch das Bistum Münster und die Kirchengemeinden - zu den größten Grundbesitzern. Damit  steht das Bistum in einer direkten Verantwortung zur Förderung der Biodiversität in seinem Verantwortungsbereich. Dies umfasst sowohl von den Kirchen eigengenutzte Flächen (beispielsweise Friedhöfe, Außenflächen von Pfarrheimen), als auch verpachtete landwirtschaftliche Flächen (Arbeitsgruppe für ökologische Fragen der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz, 2021).  

Soziale Aspekte
Neben der ökologischen Nachhaltigkeit soll im Projekt ebenso die soziale Nachhaltigkeitsdimension Berücksichtigung finden. Das bedeutet, dass bei der Entwicklung von Konzepten und Strategien auch die wirtschaftliche und soziale Situation der Pachtenden berücksichtigt wird. Zudem ist die Teilnahme am Projekt sowohl für die Kirchengemeinden als auch die Pachtenden freiwillig.

Ein besonderer Fokus der Arbeit liegt darauf, stets alle Akteure in die Erarbeitung von Konzepten und Strategien zu integrieren. Starre Vorgaben „von oben“, die kleine und mittlere Betriebe vor existenzielle Hürden stellen, macht das Projekt nicht. Insbesondere zielt das Projekt nicht auf die Änderung des Musterpachtvertrages oder eine Vorgabe strenger Vergabe-Kriterien.

Vielmehr soll der Kontakt zwischen Pachtenden und Verpachtenden verbessert werden. Hier setzt das Projekt darauf, vertrauensvolle und von gegenseitigem Verständnis geprägte Beziehungen zu schaffen – immer mit dem Ziel, gemeinsam nachhaltige Formen der Bewirtschaftung und Nutzung von Kirchenland zu entwickeln.

Wer sind die Ansprechpersonen für das Projekt Kirchenland im Bistum Münster?

Bernd Hante
Diözesanpräses der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) und der Katholischen Landvolkbewegung (KLB)
02581 9 45 84 90

Birgit Hüsing
Bischöfliches Generalvikariat Münster (BGV), Gruppe Liegenschaften
0251 495 470

Ulrich Oskamp
Katholische Landvolkbewegung (KLB)
0251 5 39 13 23

Fabian Teltrop
Bischöfliches Generalvikariat Münster, Fachstelle Umweltschutzmanagement und Schöpfungsverantwortung
0251 495 17060

Bisherige Aktivitäten

Kühe auf einer Weide.

© Ulrich Oskamp

Das Projekt ist am 2. und 3. November 2020 mit zwei digitalen Auftaktveranstaltungen in den Pilot Kreisdekanaten Borken und Recklinghausen gestartet. In diesen Auftaktveranstaltungen wurden die Vertreterinnen und Vertreter der Kirchenvorstände und Zentralrendanturen aus den jeweiligen Kreisdekanaten über die Projektziele und die dem Projekt zugrundeliegende Thematik informiert, unter anderem durch Beiträge von Prof. Dr. Tillmann Buttschardt (WWU Münster), Dr. Britta Linnemann (NABU-Naturschutzstation Münsterland e.V.), Heinrich-Ludger Rövekamp, Johannes Bayer und Marianne Lammers (jeweils Landwirtschaftskammer NRW).

Gemeinsam mit interessierten Pilotkirchengemeinden und deren landwirtschaftlichen Pächterinnen und Pächtern werden nun im Anschluss Wege zu einer (noch) nachhaltigeren Bewirtschaftung des Kirchenlands und damit zusammenhängender Flächen diskutiert.

Die Covid-19 Pandemie hat großen Einfluss auf die Projektarbeit gehabt, sodass persönliche Treffen nur in Ausnahmefällen möglich waren und der Projektfortschritt entsprechend merklich verlangsamt wurde. Dennoch konnten mithilfe der Biodiversitätsberatung durch die Landwirtschaftskammer NRW auf landwirtschaftlich verpachteten Flächen bereits in einer ersten Kirchengemeinde Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität umgesetzt werden. Mehrere Blüh- und Bejagungsschneisen auf unterschiedlichen Schlägen wurden dort angelegt.

Im nächsten Schritt sollen auch in den anderen teilnehmenden Pilotkirchengemeinden Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität umgesetzt werden. Auf Basis der Erfahrungen, die mit der Umsetzung von Maßnahmen gemacht werden, sollen innerhalb der Kirchengemeinde Möglichkeiten zu einer dauerhaft nachhaltigeren Verpachtungspraxis und zu potentiellen Kooperationsformen zwischen Kirchengemeinde und Pachtenden diskutiert werden.

Ziel des Projekts ist es einen Best-Practice Leitfaden zu erstellen, der auch anderen Kirchengemeinden als Inspirationsquelle und Motivationsschub für eine nachhaltige Verpachtung von Kirchenland dient.

Weiterführende Literatur

  • Arbeitsgruppe für ökologische Fragen der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz. (2021). Vom Wert der Vielfalt - Biodiversität als Bewährungsprobe der Schöpfungsverantwortung (Arbeitshilfe Nr. 323). Bonn: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.
  • Deutsche Bischofskonferenz. (2018). Schöpfungsverantwortung als kirchlicher Auftrag - Handlungsempfehlungen zu Ökologie und nachhaltiger Entwicklung für die deutschen (Erz-)Diözesen (Arbeitshilfen Nr. 301). Bonn: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.
  • Papst Franziskus. (2015). Enzyklika Laudato Si' von Papst Franziskus - Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, 24. (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Hrsg.)
  • Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Bundesamt für Naturschutz. (2020). Die Lage der Natur in Deutschland - Ergebnisse von EU-Vogelschutz und FFH-Bericht. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Bundesamt für Naturschutz, Berlin, Bonn. Von www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Naturschutz/bericht_lage_natur_2020_bf.pdf abgerufen
  • Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz. (2016). Der bedrohte Boden. Ein Expertentext aus sozialethischer Perspektive zum Schutz des Bodens. Bonn: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.
  • Deutsche Bischofskonferenz. (2019). Zehn Thesen zum Klimaschutz. Ein Diskussionsbeitrag. Bonn: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.
  • Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) (2019): Summary for policymakers of the global assessment report on biodiversity and ecosystem services of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services. S. Díaz, J. Settele, E. S. Brondízio E.S., H. T. Ngo, M. Guèze, J. Agard, A. Arneth, P. Balvanera, K. A. Brauman, S. H. M. Butchart, K. M. A. Chan, L. A. Garibaldi, K. Ichii, J. Liu, S. M. Subramanian, G. F. Midgley, P. Miloslavich, Z. Molnár, D. Obura, A. Pfaff, S. Polasky, A. Purvis, J. Razzaque, B. Reyers, R. Roy Chowdhury, Y. J. Shin, I. J. Visseren-Hamakers, K. J. Willis, and C. N. Zayas (eds.). IPBES secretariat, Bonn, Germany. 56 pages.
  • Deutsche Bischofskonferenz. (2011). Der Schöpfung verpflichtet. Anregungen für einen nachhaltigen Umgang mit Energie. Ein Expertentext zu den ethischen Grundlagen einer nachhaltigen Energieversorgung. Bonn: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.