Kirchliches Leben im Wandel

Lebensnahe und beziehungsstarke Gottesdienste feiern

Andere Zeiten erfordern andere Methoden – auch in der Liturgie. Dr. Nicole Stockhoff, Leiterin der Fachstelle Gottesdienst, hat dazu im Rahmen der diesjährigen Trierer Sommerakademie Gedanken formuliert, die für alle, die Gottesdienste gestalten bzw. feiern, interessant sein können.

Kirchliches Leben ist im Wandel - auch die Art Gottesdienste zu feiern. Wo erleben Sie im Bistum Münster ganz konkrete Veränderungen?

Sie bringen es ins Wort, das kirchliche Leben befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Im Bistum Münster sind immer noch Pfarreien mit der Erstellung von Pastoralplänen betraut. Neben den Themenfeldern Caritas und Diakonie gehört das Feld Liturgie und Gottesdienst zu den wichtigsten Blöcken und Ausarbeitungen in den Pastoralplänen. Dabei wird in den meisten lokalen Pastoralplänen kaum ein Wunsch so deutlich formuliert wie dieser: „Wir möchten lebensnahe und beziehungsstarke Gottesdienste feiern! Unsere liturgischen Feiern sollen einen Raum eröffnen, damit Menschen mit sich selbst, mit anderen und mit Gott in Berührung kommen!“

Genau diese Sätze gilt es in den nächsten Jahren in den Blick zu nehmen. Wir müssen uns ein Bild machen, wie diese gottesdienstlichen Feiern vor Ort umgesetzt werden und wie es zu einem Begegnungsgeschehen zwischen Gott und Mensch kommen kann. Aber auch die Herausforderungen und Schwierigkeiten der neu entwickelten Feierformen (beispielsweise zu biografischen Anlässen) müssen analysiert und angeschaut werden.

Was ist für Sie die größte pastorale Herausforderung in Ihrem derzeitigen Dienst?

Die Zusammenlegung von Pfarreien zu größeren Einheiten bringt pastorale und liturgietheologische Herausforderungen mit sich. Veränderungen führen nicht nur zu strukturellen Neuerungen, sondern haben auch tiefgreifende Auswirkungen auf die gottesdienstlichen Feiern vor Ort. Zur Eucharistiefeier, dem Herzstück der gottesdienstlichen Feierformen, kommen weitere Formen hinzu, zum Teil an neuen Orten und mit neuen Feiergruppen. Für die Pastoral werden wir eine Verständigung benötigen, die stärker wieder die theologischen Implikationen einschließt. Mir scheint es manchmal, dass wir in den letzten Jahren mit vielen Fachrichtungen zusammengearbeitet haben, ohne dass die theologischen Fragen genügend Raum bekommen hätten. 

Dr. Nicole Stockhoff

In den Gottesdienst zu gehen, scheint immer unbeliebter zu sein. Geht man unter der Woche in die Messe, sind die Bänke gähnend leer. Wie kann man daran etwas ändern?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir es in der Kirche immer noch nicht wahrhaben wollen, dass wir in der Gesellschaft eine Glaubenskrise verspüren und sich einige Menschen bewusst gegen Kirche und ihren Feierformen entschieden haben. Wir werden als Glaubensgemeinschaft kleiner. Da werden Konzept- und Strukturpapiere noch und noch geschrieben, ohne vielleicht einmal innerkirchlich zu fragen, wie es um das eigene Glaubensleben und einem Leben aus der Eucharistiefeier steht. Es ist die Taufe, die Menschen zu Christen werden lässt. Die Lebensraumgestaltung aus der Gottesbeziehung ist zu stärken.

Vor allem junge Menschen und Familien finden die klassische Liturgie oft unattraktiv. Muss man sich deshalb über andere Formen Gedanken machen? Wer soll bzw. muss die neue Zielgruppe sein?

Wir werden in den nächsten Jahren beides benötigen. So werden wir gottesdienstliche Feierformen anbieten müssen, die unterschiedliche Zielgruppen in den Blick nehmen, aber auch die „klassische Liturgie“ wird in den nächsten Jahren einen bedeutenden Stellenwert bekommen. Bei allen Feierformen gilt es, dass Zeichen und Symbole stimmig sind, dass nicht erklärt wird, sondern die gottesdienstliche Form in ihrer jeweiligen Art von sich heraus spricht. Es gibt Pfarreien, die schon gottesdienstliche Formate ausprobieren, beispielsweise ein Triduum für „Kinder- und Familien“. Darüber hinaus gibt es Situationen in der Gesellschaft, die auf spezielle Lebensereignisse zurückgehen, zum Beispiel der Eintritt in den Ruhestand oder die Volljährigkeit. Beides lässt sich rituell und gottesdienstlich begleiten.

Wie wichtig ist der Kirche ihre Liturgie? Wie viel geht verloren, wenn die Eucharistie nicht mehr im Mittelpunkt steht oder ganz wegfallen muss, weil beispielsweise keine Priester vor Ort sind?

Das Bistum darf in Zeiten der pastoralen Veränderung den theologischen Gedanken, dass sich die Einheit einer Gemeinde vornehmlich in der Sonntagsmesse zeigt, nicht schmälern. Dennoch muss dieser theologische Gedanke in den nächsten Jahren angesichts der kleiner werdenden Zahl an Gläubigen und Priestern neu buchstabiert werden. Es wird zu überlegen sein, wie das gehen kann. Welcher Stellenwert der Liturgie bei der Kirchenentwicklung zukommt, gehört mit in diese Thematik.

Wie wichtig ist der Einsatz und die Verantwortung von Laien im liturgischen Bereich?

Die gottesdienstlichen Feierformen leben von der Vielfalt der liturgischen Dienste. Nicht nur in der Eucharistiefeier tragen die Laien dazu bei, die Feier mitzutragen. Auch bei der Übernahme von anderen Feierformen, wie zum Biespiel Andachten, Wort-Gottes-Feiern, Morgen- und Abendlob, sind die Laien ein wichtiger Baustein. Sie sind Träger des Gebets. Um einen solchen liturgischen Leitungsdienst zu übernehmen, bedarf es eines koordinierten und angepassten Qualifizierungskonzeptes in der Diözese. Ein solches Konzept ist zur Zeit in Bearbeitung.