In den vergangenen Tagen bin ich durch das Bistum Münster gepilgert. Nicht nur von Ort zu Ort, sondern von Mensch zu Mensch, von Erfahrung zu Erfahrung. Wir sind über Asphalt gegangen, Pflastersteine und Sandwege, auch durch herrliche Buchenwälder. Der Pilgerweg führte uns vorbei an Kornfeldern, Industrieanlagen und Handelsunternehmen, durch Dörfer und Städte. Wir haben die herbe Kühle uralter Kirchen gespürt, diesen Atem von Stein und Zeit, der uns umfängt, wenn wir eintreten und für einen Moment alles still wird. Wir haben im Schatten von Eichen gesessen, haben Brot geteilt und Wasserflaschen weitergereicht, schlicht und einfach, und doch war es mehr als nur Nahrung. Wir haben den Wind gespürt, den Regen auf der Haut, die Sonne im Gesicht. Wir haben im Gras gesessen, miteinander gegessen, miteinander gesprochen – und vor allem: einander zugehört.
Ich hatte dabei nur eine Frage: Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Glauben?
Nicht: Was denken Sie darüber? Sondern: Was haben Sie erlebt? Was hat Sie geprägt? Wo hat der Glaube getragen – und wo hat er gefehlt? Wo war Gott spürbar – wo blieb er fern? Wo leben Sie den Zweifel? Wie halten Sie die Dunkelheit aus, das Nicht-Verstehen, das Ringen mit Gott?
Und ich habe Vieles gehört. Verletzliches. Offenes. Unfertiges. Ich habe gehört von Vertrauen – und von Enttäuschung. Von Hoffnung – und von Brüchen. Und ich habe Menschen gehört, die sich nicht verstecken. Die ringen. Die fragen. Die glauben – auf ihre Weise.
Und am Ende dieser Tage geschah etwas, das mich tief bewegt hat: Unsere Pilgerinnen und Pilger gaben sich gegenseitig Worte mit auf den Weg. Keine großen Programme. Keine fertigen Antworten. Sondern einfache, starke Sätze, die gebündelt so lauten:
Seid nicht bange! Seid standhaft! Haltet fest am Glauben!
Und genau hier berühren sich unsere Erfahrungen mit dem Evangelium dieses Tages.
Jesus sendet seine Jünger aus. Er schickt sie nicht in eine sichere Welt. Er schickt sie nicht in eine klare, einfache Situation. Er sagt ihnen: Ihr werdet auf Widerstand stoßen. Ihr werdet bedrängt werden. Ihr werdet erleben, was auch Jeremia erlebt hat – Ablehnung, Verfolgung, Spott. Jeremia, der Prophet, wird vom Priester Paschhur eingesperrt, gefoltert und in den Block gespannt. Jeremia wird öffentlich gedemütigt. Er kennt Angst, kennt Erschöpfung. Das Schlimmste: Jeremia fühlt sich von Gott selbst getäuscht, vorgeführt. Dennoch sagt er später: „Singt dem Herrn, rühmt den Herrn; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.“
Und Jesus sagt: Fürchtet euch nicht. Seid nicht bange.
Und dann dieser eine Satz im Evangelium, der alles bündelt:
„Wer sich zu mir bekennt, zu dem bekennt sich auch der Vater im Himmel.“
Was heißt das – bekennen? Sich bekennen?
Im griechischen Urtext steht das Wort „homologéo“. Es bedeutet: dasselbe sagen, übereinstimmen, mitsprechen. Bekennen heißt also nicht zuerst: etwas behaupten. Bekennen heißt: mein Leben stimmt mit dem überein, was ich sage. Mein Herz, mein Wort, mein Handeln gehen in ein- und dieselbe Richtung.
Bekennen heißt: mit Gott übereinstimmen – und es sichtbar werden lassen.
Und genau das ist alles andere als einfach.
Unsere Zeit ist unruhig geworden. Peter Sloterdijk spricht von unserer Zeit als einem Trainingsraum für Überforderung, als Daueranspannung, als Experiment ohne Netz. Wir sind hin- und hergerissen zwischen einem tiefen Verlangen nach Sinn, nach Dauer, nach Ewigkeit – und einer Wirklichkeit, die sich oft im Augenblick verliert. Wir spüren: Wer tiefer sieht, leidet mehr. Leiden ist der Preis gesteigerter Sensibilität.
Und in dieser Situation stellt sich die Frage neu: Wozu stehen wir? Zu wem bekennen wir uns?
Das Bistum Münster kennt Antworten. Keine abstrakten. Sondern gelebte. Das Bistum Münster ist reich an prophetischen Stimmen. Es gibt hier so viele. Ich möchte nur drei nennen.
Ich denke an Annette von Droste-Hülshoff. In ihrer Erzählung „Die Judenbuche“ geht sie dorthin, wo es weh tut. Sie beschreibt Schuld, Gewalt, Ausgrenzung. Sie schaut auf ausgegrenzte Minderheiten in Gesellschaft und Religion, wo andere wegsehen. Und sie stellt sich – leise, aber unüberhörbar – auf die Seite derer, die keine Stimme haben.
Und wenn wir heute hören, was Menschen erzählen, die Opfer von Gewalt geworden sind, die missachtet wurden, verletzt wurden, deren Würde angetastet wurde – dann spüren wir, wie nah diese Stimme ist. Es sind die Geschichten von Überlebenden von Machtmissbrauch. Geschichten, die lange nicht gehört wurden. Geschichten, die uns nicht in Ruhe lassen dürfen.
Hier wird deutlich:
Bekennen heißt: nicht wegsehen.
Bekennen heißt: die Wahrheit aushalten.
Bekennen heißt: auf der Seite der Verwundeten stehen.
Dann denke ich an Maria Droste zu Vischering, die hier im Erbdrostenhof in Münster geboren wurde und die wir als Schwester Maria vom Göttlichen Herzen kennen. Ihr Leben führt vom einheimischen Kloster hinaus in die Welt, nach Portugal, in die Stadt Porto. Sie verlässt das Vertraute, um dort zu sein, wo Menschen aufgrund der rasanten Industrialisierung am Rand stehen – Mädchen und Frauen, die verarmt sind, die in die Prostitution gedrängt und ausgegrenzt werden, die keine Perspektive haben.
Zugleich ist Schwester Maria vom Göttlichen Herzen eine Frau tiefer Mystik. Eine Frau des Gebets, der inneren Sammlung, der Hingabe an Gott.
In ihr verbinden sich zwei Bewegungen, die zusammengehören: Mystik und Politik.
Die innere Verbindung mit Gott – und die konkrete Hinwendung zum Menschen. Ihr Leben erzählt davon, dass wir nicht nur Verantwortung haben für unsere Familien, menschlichen Beziehungen und Ordensgemeinschaften, unsere Dörfer und Städte, nein: Wir alle haben auch Verantwortung für unser Land und für die Welt. Denn wir bewohnen alle das eine große Haus und gehören alle zusammen zu einer großen Menschheitsfamilie.
Bekennen heißt: aus der Tiefe Gottes heraus in die Welt gehen.
Bekennen heißt: beten – und handeln.
Bekennen heißt: Gott suchen – und den Menschen dienen.
Und schließlich Schwester Maria Euthymia. In der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, in der die Welt sich spaltet in Freund und Feind, geht sie einen anderen Weg. Sie sieht den Menschen. Sie versorgt Verwundete. Sie gibt Brot, auch verbotenerweise den Feinden. Sie verbindet Wunden. Auch dort, wo Grenzen gezogen werden.
Als sie im Kriegsgefangenenlager Dinslaken vom Tod ihres Bruders Hermann erfährt, gefallen in der Sowjetunion, steht sie still. Unendlicher Schmerz ist da. Und dann geht sie weiter. Zu denen, die sie brauchen, zu den sowjetischen Kriegsgefangenen.
Bekennen heißt: im Unklaren das Gute tun.
Bekennen heißt die Grauzonenkunde (Sloterdijk) zu meistern. Schwester Maria Euthymia steht für die laute Stille der prophetischen Stimme und beherztes Handeln.
Und damit sind wir bei uns.
Bekennen heißt nicht, perfekt zu sein.
Bekennen heißt nicht, keine Zweifel zu haben.
Bekennen heißt nicht, immer sicher zu sein.
Bekennen heißt: sich ausrichten. Sich festmachen. Sich nicht verstecken.
Vielleicht beginnt es ganz klein. Ein Wort, das nicht angepasst ist. Ein Schritt, der nicht bequem ist. Ein Blick, der den anderen wirklich sieht.
Und vielleicht spüren wir dabei die Angst.
Die Angst, anzuecken.
Die Angst, allein zu stehen.
Die Angst, missverstanden zu werden.
Aber genau hier liegt die Verheißung Jesu:
Wer sich zu mir bekennt, zu dem bekennt sich auch der Vater im Himmel.
Über dem Abgrund der öffentlichen Bloßstellung müssen wir uns nicht selbst sichern.
Wir dürfen uns von Gott halten lassen.
Seid nicht bange! Bleibt standhaft!
Haltet fest am Glauben! Amen.
