Als Menaka Kandeepan 2015 ihr erstes Kind bekam, war vieles neu für sie. Sie war erst zwei Jahre zuvor aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen, kannte nur wenige Menschen und musste sich in einer fremden Sprache und Kultur zurechtfinden. Über eine Beratungsstelle erfuhr sie von „Sure Start“, der kostenlosen Babyspielstunde des Hauses der Familie Münster. Dort fand sie Kontakte und Unterstützung. Heute arbeitet sie selbst als pädagogische Fachkraft in einer dieser Gruppen und gibt ihre Erfahrungen an andere Mütter weiter. Das Angebot feierte in diesen Tagen mit einem Festakt sein 20-jähriges Bestehen.
Die Babyspielgruppen wurden 2006 vom Haus der Familie und der Familienbildung Friedensstraße, früher Anna-Krückmann-Haus, gemeinsam entwickelt. Sie richten sich an Mütter, die klassische Eltern-Baby-Angebote häufig nicht erreichen. Die inzwischen sieben Gruppen finden wohnortnah in Münsters Stadtteilen statt und sind für die Mütter kostenlos.
Einmal pro Woche treffen sich die Mütter mit ihren Babys zum Spielen, Singen und gemeinsamen Frühstück. Gleichzeitig bleibt Zeit für persönliche Gespräche und Beratung, häufig unterstützt durch Marte Meo. Bei dieser Methode zur Entwicklungsförderung werden alltägliche Situationen per Video aufgenommen und mit den Müttern besprochen, damit sie sehen, was sie bereits richtig machen, und lernen, diese Verhaltensweisen bewusst im Alltag einzusetzen.
Die Gruppen sind eng mit anderen Einrichtungen und Unterstützungsangeboten in den Stadtteilen vernetzt. So können die Fachkräfte bei Bedarf Kontakte zu Beratungsstellen vermitteln, Sprachkurse empfehlen oder den Weg zu weiteren Hilfsangeboten ebnen. Zugleich erfahren viele Mütter über dieses Netzwerk von „Sure Start“ und finden so den Weg in die Gruppen.
„Die Familien haben letztlich die gleichen Fragen wie alle Mütter, wenn es um ihre Kinder geht: Essen, Schlafen, Trinken“, sagt Ruth Ehrich, die seit vielen Jahren als pädagogische Fachkraft in den Gruppen arbeitet. Doch nicht alle hätten die gleichen Voraussetzungen, um Antworten zu finden. Drei Fachkräfte begleiten die Gruppen, die jeweils von zwölf Müttern besucht werden, und unterstützen beispielsweise bei Fragen zur kindlichen Entwicklung, zum Kita-Einstieg oder bei der Suche nach einem Sprachkurs.
Die Mütter gewinnen dabei auch an Selbstvertrauen, sagt Ruth Ehrich. Manche trauten sich im Laufe der Zeit eher, Deutsch zu sprechen, einen Sprachkurs zu besuchen oder eine Ausbildung zu beginnen. Aus den Erfahrungen mit den Babyspielgruppen ist inzwischen auch „Sure Start plus“ entstanden. Das Angebot begleitet Familien mit Kindern im Kita-Alter weiter.
Für Johannes Wilde, Leiter des Hauses der Familie, bleibt das Angebot wichtig: Chancengerechtigkeit sei nach wie vor keine Selbstverständlichkeit, zudem seien viele Familien von Armut oder Einsamkeit betroffen. „Als christliche Einrichtung ist es gerade an dieser Stelle unsere Aufgabe, uns denjenigen zu widmen, die es schwerer haben“, sagt er. Zugleich entstünden Begegnungen zwischen Frauen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, die sich gegenseitig stärken und voneinander lernen könnten.
Menaka Kandeepan ist dankbar für „Sure Start“, das ihren Weg in Deutschland geprägt hat. „Ich hatte damals viele Fragen“, erinnert sie sich. „Als mein Sohn später laufen lernte als andere Kinder, haben mir die Fachkräfte gesagt, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat“, blickt sie zurück. Solche Gespräche hätten ihr Sicherheit gegeben und geholfen, die Entwicklung ihres Kindes besser einzuordnen. Später kamen auch ihre Zwillinge mit in die Gruppe.
Über weitere Angebote verbesserte Kandeepan ihre Deutschkenntnisse. Schließlich begann sie selbst als Unterstützungskraft bei „Sure Start“. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin und arbeitet inzwischen als pädagogische Fachkraft: „Mit Blick auf meine eigenen Erfahrungen möchte ich heute über ‚Sure Start‘ andere Mütter ermutigen, sich Unterstützung zu holen und eigene Ziele zu verfolgen.“