400 Jahre Kapuziner in Münster
Von der Armenfürsorge über eine Institutionalisierung der Hilfen bis hin zur weltweiten Solidarität hat sich das Verhältnis einzelner Christen und der kirchlichen Gemeinschaft zu Fragen von Armut und Reichtum im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte gewandelt.
Wie genau die Veränderungen waren, hierauf ist der Trierer Kirchenhistoriker Prof. Dr. Bernhard Schneider am 10. April in Münster eingegangen. Prof. Schneider sprach auf einer interdisziplinären Tagung, die veranstaltet wurde von der Fachstelle Franziskanische Forschung (Münster) und vom Franciscan Study Center (Utrecht) in Zusammenarbeit mit der Franziskanischen Initiative 1219 – Religions- und Kulturdialog (Berlin) und der Franziskaner Mission (Dortmund).
Schneider betonte im Rückblick, dass selbst in Zeiten der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als zahlreiche Klöster und Stiftungen verschwanden, auf lokaler Ebene viele Priester in die öffentliche Armenfürsorge eingebunden gewesen seien. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts seien dann karitativ tätige Frauen-Orden die maßgeblichen Akteure in der Armen- und Krankenpflege oder auch in der Kinderfürsorge geworden, so dass man zu diesem Zeitpunkt von einer "Feminisierung der Caritas" sprechen könne. Zugleich habe sich mit der zunehmenden Industrialisierung die im deutschen Katholizismus bis heute "charakteristische Trias von karitativem Engagement, theologisch-moralischer Mahnung und sozialreformerischer Reflexion entwickelt". Der karitative Aufbruch im deutschen Katholizismus sei dabei von der Basis ausgegangen; später sei er dann auch von Bischöfen und Päpsten gestützt worden.
Seit dem späten 19. Jahrhundert, so erläuterte Prof. Schneider weiter, habe sich das helfende Wirken der Kirchen vor dem Hintergrund des sich entwickelnden Sozialstaats neu entwickelt. Reichskanzler Otto von Bismarck führte in den 1880er Jahren die Sozialversicherungen ein, daneben gab es die kommunale Armenpflege. "Die kirchlichen Hilfen ergänzten diese Systeme und richteten ihre Hilfstätigkeit auch auf Personengruppen und Bereiche aus, die sonst wenig Beachtung fanden, wie zum Beispiel die Wandererfürsorge, die Dienstmädchen- und Mädchenfürsorge und die Bahnhofsmission", sagte Schneider.
Dadurch sei es zu einer deutlichen Ausdifferenzierung und Spezialisierung von Hilfe-Angeboten gekommen. Durch zahlreiche konfessionelle Vereine und Einrichtungen sei eine "gewisse Parallelstruktur zur kommunalen Armenfürsorge" entstanden. Das sei zwar nicht immer konfliktfrei gewesen, auf diesem Weg habe sich der deutsche Sozialstaat aber zu einem dualen System staatlicher und freier Träger entwickelt. Die karitativ-diakonische Hilfe habe seit den 1920er Jahren immer wieder auch feste Verankerungen in der staatlichen Sozial-Gesetzgebung erlangt. Gleichwohl habe es sowohl auf kirchlicher wie auf staatlicher Seite immer wieder Vorbehalte, Selbstvergewisserungsprozesse und Debatten über einen angemessenen Weg kirchlichen Helfens im deutschen Sozialstaat gegeben.
Prof. Schneider ging dann darauf ein, dass sich seit den 1950er Jahren der Fokus des diakonisch-karitativen Engagements in Deutschland in Richtung auf die Weltgemeinschaft der Christen in der so genannten "Dritten Welt" ausgeweitet habe. Hierbei sei der Auftrag zunehmend über bloße Wohltätigkeit hinausgegangen. In den Fokus sei gerückt, den Bewohnern auch der unterentwickelten Länder ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Das meine nicht nur ‚bloßes‘ Wirtschaftswachstum und bessere materielle Bedingungen, sondern schließe auch den Zugang zu Bildung und die Freiheit von Gewalt für alle Bevölkerungsgruppen ausdrücklich ein.
Auch sprachlich habe sich in den 1960er und 1970er Jahren ein Wandel vollzogen: sei früher oft von "Almosen" oder "Armenfürsorge" gesprochen worden, sei nun "Solidarität" zum neuen Leitbegriff geworden. "Solidarität schien geeigneter zu sein, ein strukturelles Gefälle zu vermeiden und Wechselseitigkeit zu artikulieren", sagte Prof. Schneider. Die neuen Begrifflichkeiten verdeutlichten ein gewandeltes Verständnis der Hilfe: "Arme kommen deutlicher als selbständige Subjekte der Entwicklung und Befreiung in den Blick, was auch die neue Redeweise von der ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ programmatisch formulierte." Eine "pointierte neue Umschreibung", habe das soziale Handeln der Kirche Ende der 1960er Jahre auch mit der Formel "Option für die Armen" erhalten. Prof. Schneider: "Der Kirche wurde mit dieser Formel der Auftrag auferlegt, ihr Handeln darauf auszurichten, den Armen im Prozess der Befreiung aus der Gewalt von Mächtigen und Reichen, aus Zuständen von Armut, Unterdrückung und Ausbeutung beizustehen. Armut wurde so auch in einer Weltperspektive als politisches und strukturelles Problem erfasst und Hilfe dementsprechend nicht allein als konkreter Beistand in individuellen Notlagen. Verbunden war damit, den bestehenden unfreien Verhältnissen den Charakter von struktureller Sünde zuzuerkennen."
Aktuell, so betonte Prof. Schneider abschließend, stünden sowohl die karitativ-diakonischen Einrichtungen der Kirchen wie der Sozialstaat insgesamt unter dem wachsenden Druck des Marktes, also unter ökonomischen Zwängen. Keineswegs sei sicher, dass Caritas und Diakonie sich im bisherigen Umfang behaupten könnten. Zudem seien auch nicht alle kirchlichen Akteure davon überzeugt, dass das überhaupt erstrebenswert sei. Auch der moderne westliche Wohlfahrtsstaat befinde sich angesichts des ökonomischen Globalisierungsdrucks in einer Krise. Dem hielt Prof. Schneider in Anlehnung an den israelischen Sozialphilosophen Avishai Margalit entgegen: "Eine anständige Armenfürsorge ist und bleibt der eigentliche Prüfstein der Zivilisation."
Text: Bischöfliche Pressestelle
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