
Dr. Kai Herberhold ist Krankenhausseelsorger im Universitätsklinikum Münster (UKM). Am Sonntag, 27. September, wird er von Bischof Dr. Heiner Wilmer offiziell für seinen Dienst beauftragt.
Herberhold ist seit seiner Geburt körperlich eingeschränkt, seit 2018 ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Zuvor war er unter anderem 30 Jahre bei den Maltesern aktiv und arbeitete als Notfallseelsorger. Als vieles davon aufgrund seiner eingeschränkten Mobilität nicht mehr möglich war, suchte sich der verheiratete Vater von drei Kindern neue Felder. Die Klinikseelsorge war eins davon – und eigentlich schon lange ein Wunsch: „Zu Beginn meiner Überlegungen, in den pastoralen Dienst zu gehen, hatte ich schon die Vorstellung, im Krankenhaus zu arbeiten.“
Dass er selbst im Rollstuhl sitzt, empfindet Herberhold nicht als Nachteil. Im Gegenteil: „Ich komme auf Augenhöhe zu den Patientinnen und Patienten.“ Sein Rollstuhl könne manchmal Türen öffnen, weil Menschen sofort etwas Verbindendes wahrnehmen. „Ich habe eine Idee von Mobilitätseinschränkung, von anderer Normalität und von Schmerzen“, sagt er. Auch seine eigene Erfahrung als Patient helfe ihm, die Situation vieler Menschen im Krankenhaus zu verstehen: das Warten, die Abhängigkeit, das Gefühl, dass andere bestimmen, wann Medikamente genommen werden oder wann jemand ins Zimmer kommt.
“Wir machen Beziehungsarbeit”
Herberhold ist überwiegend auf onkologischen Stationen, in der Nephrologie und Neurochirurgie unterwegs. Er sucht die Menschen auf, kommt mit Patienten und Pflegekräften ins Gespräch und ist da, wenn jemand Unterstützung braucht. Dabei gehe es längst nicht immer um Religion. Oft beginne ein Gespräch mit etwas ganz Alltäglichem – einem Motorrad, einem Garten oder einer Frage nach dem Weg: „Das, was wir machen, ist Beziehungsarbeit“, sagt der Seelsorger.
Erst später kommen manchmal die großen Fragen: Was trägt mich? Was gibt mir Halt? Was passiert mit meinen Sicherheiten, wenn sich mein Leben plötzlich verändert? Herberhold versteht sich dabei nicht als jemand, der fertige Antworten liefert. „Ich versuche, Begleiter zu sein und manchmal auch etwas zu ermöglichen.“ Seine Aufgabe sei es, Fragen zu stellen und gemeinsam hinzuschauen: „Mehr als begleiten geht nicht. Derjenige, diejenige muss ihren, seinen Weg selbst finden und gehen.“
Wenn er ein Patientenzimmer betritt, hat Herberhold ein bestimmtes Bild vor Augen: „Ich habe immer das Gefühl, dass ich heiligen Boden betrete.“ Er denke dabei an die biblische Geschichte von Mose, der am brennenden Dornbusch seine Schuhe ausziehen soll. Im Krankenhaus begegne er immer einem Menschen, der Ebenbild Gottes ist: „Das muss ich nicht aussprechen, das ist eine Haltung.“
Als Ausgleich “das Leichte”
Nach einem Arbeitstag sucht Herberhold deshalb gerne noch einmal die Kapelle auf der siebten Ebene des UKM auf. Dort lässt er das Erlebte im Gespräch Gott los: „Das, was ich gemacht habe, habe ich gemacht. Ich weiß, dass es immer unfertig bleibt. Den Rest musst Du jetzt erledigen.“
Dass die Arbeit in der Klinik schwer sein kann, weiß der Seelsorger. Gerade deshalb braucht es für ihn auch „das Leichte“: Musik, seine Familie und Sport. In Gremmendorf hat er eine Wheelsoccer-Mannschaft aufgebaut. Dort kann er selbst Sport treiben und zugleich anderen Menschen Bewegung ermöglichen.
Herberhold weiß, dass nicht alles heilbar und nicht jede Situation lösbar ist. Aber er weiß auch, dass manchmal ein Gespräch, ein Taschentuch oder ein kleines Rennen über einen Krankenhausflur etwas verändern können. „An meinen Namen erinnert sich nachher keiner mehr“, sagt der Krankenhausseelsorger. „Aber Menschen erinnern sich daran, dass da jemand gewesen ist, der Zeit hatte und der zugewandt war.“
Ann-Christin Ladermann
