Auftakt der Vortragsreihe Kreuzgänge
Sie galten als Verbindung zwischen Himmel und Erde, wurden lange Zeit als wunderwirkend und heilend gerühmt und begründeten an vielen Orten der Welt die Errichtung von Kirchen und Dombauten: Reliquien.
Zur Auftaktveranstaltung der Vortragsreihe "Kreuzgänge", die anlässlich des Weihejubiläums des St.-Paulus-Doms Münster stattfindet, referierte der renommierte Kirchenhistoriker und Theologe Professor Dr. Dr. h.c. Arnold Angenendt am Donnerstag (12. Juni 2014) über die "Tempel des Heiligen Geistes" und die Verehrung von Reliquien im Mittelalter.
"Selbst das wohl prominenteste Sakralbauwerk, der Petrus-Dom zu Rom, ist in seinem Ursprung nichts weiter als ein grabüberspannendes Gewölbe, das die Gebeine des Heiligen Petrus", beherbergt, erfuhren rund 80 Zuhörer des Expertenvortrages. Ausgehend von der Überzeugung der Auferstehung und dem christlichen Glauben, dass das Heil durch die Seele und den Leib, in dem der Geist Gottes wohnt, erworben wird, so Angenendt, werde der Reliquienkult des frühen Mittelalters nachvollziehbar.
"Reliquien verbanden den Himmel mit der Erde, Gebeine Heiliger und Märtyrer waren kostbarer als Edelsteine", erklärte er. Und obwohl im Mittelalter nichts verbreiteter als das Sammeln leiblicher Überreste heilig Gesprochener gewesen sei, habe sich die Theologie lange nicht damit beschäftigt.
Dabei habe der Kult im Laufe der Epochen unterschiedlichen Umgang und wechselnde Wahrnehmung erfahren. Zu Beginn der Reliquiensammlung sei es von großer Bedeutung gewesen, die sterblichen Leiber im Ganzen zu erhalten, weil der Geist des Heiligen nur unversehrt Wunder wirken konnte. Später jedoch "wagten es die Widukinde im neunten Jahrhundert, Tote zu exhumieren, was den Beginn der Reliquienteilung markierte – und das dürfte wohl zunächst nur durch die Bestechung der Katakombenwärter möglich gewesen sein", führte der Historiker aus, "einzig die Beine mussten ungebrochen sein, um die Auferstehung zu gewährleisten".
Fortan wurden sogar Fingerglieder, wie zum Beispiel des Clemens August, in Kubikmillimeter aufgeteilt und in riesigen Reliquienschränken über Altären sowie in Domkammern aufbewahrt. Angenendt bezeichnete es als einen "ausgesprochenen Glücksfall," dass auch im Paulus-Dom in Münster noch der Inhalt eines solchen Reliquienschrankes erhalten sei. "Mit der Reformation und der aufklärerischen Zeit war allerdings Schluss damit", so Angenendt. Aber erst seit dem 18. Jahrhundert seien die Toten wirklich tot.
Doch sein Zauber und der Glaube an die Wunderwirkung Heiliger sowie das Zwiegespräch an Gräbern habe die Tradition der Reliquiensammlung überdauert. Selbst bekennende Nichtchristen wie Johann Wolfgang von Goethe oder Friedrich II hätten sich zur Verehrung bekannter Schreine hinreißen lassen. Und sogar ein Tropfen Blut des 2005 verstorbenen Papst Johannes Paul II werde im Kölner Dom aufbewahrt, so Angenendt.
Der nächste "Kreuzgang" findet am Donnerstag (3. Juli 2014) statt. Dann wird Dr. Christoph Hellbrügge aus Ascheberg über "Steinkonservierung in Westfalen. Historische Entwicklung und heutiger Stand" sprechen.
Alle Vorträge beginnen um 19 Uhr und dauern circa eine Stunde. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung nicht erforderlich. Da der Kreuzgang über das Uhrenportal barrierefrei zugänglich ist, können auch Menschen mit einer Gehbehinderung teilnehmen. Für Menschen, deren Gehör eingeschränkt ist, steht eine FM-Anlage zur Verfügung.
Text: Bischöfliche Pressestelle
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