
Gemeinsam gestalteten sie einen Abend über die Möglichkeiten und Voraussetzungen des interreligiösen Dialogs in Syrien (von links): Josefine Wahle, Marie Maaz, Milad Karimi, Jacques Mourad, Stefan Zekorn und Christian Müller.
© Bischöfliche Pressestelle/Anke LuchtDer Erzbischof, dessen Ausführungen Marie Maaz aus dem Arabischen übersetzte, wurde 2015 vom sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) entführt und mit rund 250 Mitgliedern seiner Gemeinde mehrere Monate lang festgehalten. Engagiert tritt er für die Zukunft des Christentums in Syrien und für die Verständigung zwischen den Religionen ein.
In Syrien gebe es eine „bunte religiöse Gesellschaft“, dennoch gingen die vorhandenen Probleme nicht etwas auf Konflikte zwischen den Religionen, sondern auf die Politik zurück, sagte der Erzbischof. Unter Präsident Assad habe es keine religiöse Freiheit gegeben, obwohl die Menschen sehr religiös seien. Die aktuelle Regierung pflege keine echten Beziehungen zu den religiösen Führern, das Misstrauen zwischen Regierung und Bevölkerung sitze tief. Der Staat funktioniere nicht, viele Ordnungs- und Sicherheitsstrukturen seien zerschlagen.
In dieser Lage hätten beispielsweise Studierender verschiedener Glaubensrichtungen gemeinsam Hilfe für die Bevölkerung organisiert. „Dieses Miteinander definiert uns als Menschen, das ist das Syrien von heute und morgen, das ist das, was bleibt, während Regierungen vergehen“, betonte Mourad. Verständlich, aber problematisch sei, dass viele vor allem junge Menschen, auch Christen, das Land verlassen. „Trotzdem wollen wir dableiben, nicht für uns selbst, sondern als Zeugen unseres Glaubens“, sagte der Erzbischof.
An seinen Vortrag schloss sich ein von Josefine Wahle, Referentin für interreligiösen Dialog und missio-Regionalstellenreferentin beim Bistum Münster, moderiertes Gespräch zwischen ihm und dem Münsteraner Religionsphilosophen und Islamwissenschaftler Prof. Dr. Milad Karimi an. Darin benannte Mourad als „tiefste Wunde“ seines Landes das „Nicht-Zuhören-Können“. Karimi bestätigte: „Wir tun gut daran, den Schmerz Anderer nicht nur mit Mitleid zu betrachten, sondern als eigenen Schmerz.“ Der interreligiöse Dialog, führte er aus, werde nicht auf Podien, sondern im echten Leben bedeutsam. Sein Kern sei, gerade das, was man aus der anderen Religion nicht glaube, zu schätzen und sich davon erschüttern zu lassen. „Wenn man in seinem eigenen Glauben keinen Sinn für andere Religionen hat, wird man zum Fundamentalisten“, sagte Karimi und wandte sich klar gegen den IS.
Erzbischof Mourad bestätigte, nicht der syrische Staat, sondern muslimische Nachbarn hätten ihn und seine Gemeinde aus der Geiselnahme befreit. Rückblickend danke er Gott, dass er während der Zeit als Geisel „inneren Frieden“ habe erleben dürfen: „Das kam nicht aus meiner Kraft, sondern aus dem Gebet. Und wenn man dank eines solch inneren Friedens innerlich frei ist, empfindet man keinen Hass.“ Karimi ergänzte: „Frieden ist in allen abrahamitischen Religionen kein Angebot, sondern ein Gebot.“ Es brauche Räume, wo Menschen Frieden lernen können. Das Beispiel von Erzbischof Mourad zeige: „Die größte Schule des Friedens, das ist wahrer Glaube.“
Veranstaltet hatten den Abend die Akademie Franz Hitze Haus, die Abteilung Weltkirche des Bistums Münster und das katholische Hilfswerk missio Aachen. Begrüßung und Fazit gestalteten deshalb Weihbischof Dr. Stefan Zekorn, im Bistum Münster bischöflicher Beauftragter für die Weltkirche, und Tagungsleiter Dr. Christian Müller vom Franz Hitze Haus.
Anke Lucht
