Bischof Dr. Felix Genn besucht Flüchtlingsunterkunft
Auf englisch geht es einigermaßen, auf französisch besser, und die meisten Gesprächspartner können sich ohnehin auf deutsch verständigen:
Münsters Bischof Dr. Felix Genn wechselt zwischen den Sprachen, als er am Dienstag (18. Februar 2014) die städtische Flüchtlingsunterkunft Hoppengarten in Münster besucht.
Jeden Bewohner und jede Bewohnerin, der oder die ihm begegnet, begrüßt der Bischof und erkundigt sich nach dem Herkunftsland. Auf seinem Rundgang begleiten ihn unter anderem Sozialamtsleiterin Dagmar Arnkens-Homann, Sozialarbeiter Freddy Kika vom städtischen Sozialdienst für Flüchtlinge, Stadtrat Thomas Paal und Dezernent Jochen Köhnke.
Interessiert blickt der Bischof auf eine kleine, aufgeräumte Küchenzeile, die sich zwei Familien teilen, und in ein bescheidenes Wohn- und Schlafzimmer, dessen Tür ihm ein irakischer Familienvater freundlich öffnet. So wie er leben in der Unterkunft Hoppengarten 91 Menschen aus zehn Nationen, darunter 45 Kinder. "Insgesamt haben wir in Münster 1.035 Flüchtlinge in Unterkünften, 1.400 beziehen Leistungen", erklärt Arnkens-Homann. Sie sagt auch, dass sich die Zahl der Flüchtlinge seit 2011 verdreifacht habe – in nur zwei Jahren. Gleichzeitig sei der Wohnungsmarkt so angespannt, dass man Menschen in Hotels oder Obdachlosenunterkünften unterbringen müsse. "Wir sind überbelegt", bekennt die Sozialamtsleiterin freimütig. Deshalb müssten die Menschen viel zu lange in den Unterkünften bleiben, die eigentlich nur Übergangslösungen seien.
Was das für die Flüchtlinge konkret bedeutet, erlebt der Bischof bei seinem Besuch hautnah, zum Beispiel im Gespräch mit Sukri Ramisi. Der Mazedonier lebt seit fünf Monaten in der Unterkunft. Mit seiner Frau, vier Kindern und seiner Mutter bewohnt er drei Zimmer in einem Container und findet "alles sehr gut, prima." Stolz erzählt er, dass seine Kinder die Schule besuchen und ihm an jedem Mittag, wenn sie nach Hause kommen, neue Wörter auf deutsch beibringen. "So wird die Schule bei mir fortgesetzt", freut sich der Familienvater.
Für Sozialarbeiter Kika ist das eine der obersten Prioritäten: "Spätestens drei Monate nach Ankunft der Familie in Deutschland soll jedes Kind hier die Schule oder einen Kindergarten besuchen, um die Sprache zu lernen." Für die Vertiefung des Gelernten sorgen dann Ehrenamtliche. Sie trifft Bischof Genn zum Abschluss seines Rundgangs in einem Raum mit bunten Kinderzeichnungen an den Wänden, selbst gestalteten Fensterbildern, aufgestapelten Gesellschaftsspielen im Regal, einem Ball auf dem Fußboden in einer Ecke. Hier dürfen die Kinder, auch in ihrer Situation als Flüchtlinge, tun, was alle Kinder tun sollten: spielen und lernen.
Zu verdanken ist das wesentlich einer Gruppe von Ehrenamtlichen, die aus der Pfarrgemeinde St. Franziskus hervorgegangen ist. Marianne Bußmann gehört dazu. "Wir machen, was gerade kommt", beschreibt sie das Engagement ihrer Gruppe, die vor allem Hausaufgabenbetreuung anbietet, ebenso aber die Bewohnerinnen und Bewohner auf Wunsch begleitet. "Unsere Rolle ist es, Kontakt zu halten und eine Willkommenskultur zu schaffen", erläutert Pastoralreferent Andreas Rehm von St. Franziskus – eine Äußerung, die den Bischof sichtlich freut. "Ich wünsche mir für alle Flüchtlinge, dass sie von ihren neuen Nachbarn und gerade von den Pfarrgemeinden aufrichtig willkommen geheißen werden", sagt er.
Für Marianne Bußmann und die anderen Ehrenamtlichen ist das selbstverständlich. "Für uns haben diese Menschen ein Gesicht, wir haben zu ihnen allen liebevolle, schöne Beziehungen, und wenn wir hier sind, strahlen wir genauso wie sie", beschreibt sie. Umso mehr bewege sie die Situation derjenigen, die nur auf Grundlage einer Duldung in Deutschland sind, deren Abschiebung also rein rechtlich nur ausgesetzt ist. "Diese Menschen leben in dauernder Furcht", weiß Bußmann, "viele Kinder haben schon Angst, wenn nachts nur eine Katze über das Dach läuft, weil sie glauben, jetzt kommt die Polizei und holt sie."
Außerdem dürfen die "Geduldeten" nicht arbeiten und haben keinen Zugang zu integrationsfördernden Maßnahmen. Für den Bischof ist diese rechtliche Situation leider kein unbekanntes Thema, mit dem man in der zuständigen Bundespolitik leider "oft an Grenzen, auf Verweigerung oder Ohnmacht stößt." Ausdrücklich bestätigt Genn eine Aussage von Heinz-Josef Kessmann, Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Münster e.V.: "Die Frage der Duldung ist ein menschliches Problem, das dringend angefasst werden muss."
Nicht nur deshalb erlebt der Bischof die "Situation der Menschen hier als bedrückend. Gleichzeitig aber wird so viel getan, um das Bedrückende zu erleichtern." Besonders das ehrenamtliche Engagement in diesem Bereich könne man nicht hoch genug einschätzen. "Dadurch wird die Option für eine dienende Kirche, wie wir sie im Diözesanpastoralplan formuliert haben, konkret", meint der Bischof. Wichtig ist ihm außerdem: "Es ist so viel zu leisten, damit Menschen wirklich bei uns ankommen, dazu braucht man ein ganzes Netz. Und dabei müssen auch die Seelen dieser Menschen betrachtet werden, mit den vielen Ängsten und Nöten, mit dem, was sie erlebt haben."
Genau diese Aspekte haben Marianne Bußmann und die anderen Ehrenamtlichen im Blick – auch und gerade heute. Noch während der Bischof sich verabschiedet, öffnet sie ein Fenster und ruft einer vorbeigehenden Bewohnerin zu: "Der Bischof war da, und wir haben eure Anliegen mitgenommen und erklärt!" Die Frau nickt erfreut – und der Bischof hat es gehört.
Text: Bischöfliche Pressestelle
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