Bischof Genn würdigt Arbeit in Hospizen

Der Bischof von Münster, Dr. Felix Genn, hat sich deutlich gegen jede Form von aktiver Sterbehilfe ausgesprochen.

In einem Interview mit der Zeitschrift "Caritas in NRW", das am 8. Januar erschienen ist, macht der Bischof deutlich, dass die Kirche bei diesem Thema nicht einfach nur ein "Nein-Sager" sei. "Wir sind ‚Ja-Sager‘.

Kirche sagt ‚Ja‘ zum Leben. Wir verteidigen hier etwas Humanes und nicht bloß eine spezielle christliche Sonderethik", betont Bischof Genn. Er unterstreicht, dass der Mensch von Natur aus leben wolle: "Das ist das Normale. Und bei aktiver Sterbehilfe würde plötzlich etwas Normales unnormal." Dass Ärzte beauftragt werden sollten, nicht Hilfe zu leisten, sondern zum Todbringer zu werden: "das ist und bleibt falsch", stellt der Bischof von Münster klar.

Für Bischof Genn ist es normal, "barmherzig zu sein und jemandem zu helfen, weil jeder auch bis in die letzte Phase seines gebrechlichen Lebens wertvoll ist." Das Leben sei nicht nur wertvoll, solange der Mensch produktiv sei, sondern bleibe es auch danach. "Assistierte Sterbehilfe ist eine Entwertung gebrechlichen Lebens", sagt der Bischof.

Menschliches Leben in Freiheit gebe es nur in Verbindung mit dem Angewiesen-Sein auf andere. "Freiheit ist nie absolut. Ich kann Freiheit nicht leben ohne gleichzeitig zu akzeptieren, dass ich angewiesen bin auf andere." Zwar könne er gut verstehen, dass jemand in einer Grenzsituation von Schmerz und Leid zu der Vorstellung komme, dass das Einzige, was ihm noch helfe, sei, sich töten zu lassen. "Ich selbst bin in einer solchen Situation noch nie gewesen und schaue deswegen mit Respekt und Empathie auf Menschen in einer solchen Situation", sagt Bischof Genn. Wichtig sei es aber, deutlich zu machen, dass ein Leben auch dann lebenswert sei, wenn ein Mensch völlig auf Pflege angewiesen sei.

Für den Bischof wäre die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe ein "Dammbruch". Er warnt vor den Konsequenzen: "Ich möchte nicht die Oma abends im Bett liegen sehen, die dann weint, weil sie nicht mehr gewollt ist, und sich den Kindern nicht mehr zumuten will." Das Sterben unter extremen Schmerzen sei die große Ausnahme und in den allermeisten Fällen könne hier auch die Palliativmedizin helfen. Schon heute könnten zudem Ärzte auf lebenserhaltende Maßnahmen verzichten. Es stelle aber einen entscheidenden Unterschied dar, ob ein Arzt nach sorgfältiger Abwägung extreme Beruhigungs- und Schmerzmittel verschreibe oder ob er per Gesetz dazu ermächtigt werde, auf Wunsch des Kranken dessen direkten Tod aktiv herbeizuführen. "Und völlig außer Diskussion ist es selbstverständlich, wenn ein privater Verein mit dem ‚Tod nach Rezept‘ sogar noch Geld verdient", kritisiert Bischof Genn die Schweizer Organisation ‚Dignitas‘.

In Ländern, in denen – wie etwa in den Niederlanden, Belgien oder Teilen der USA – der ärztlich assistierte Suizid legalisiert worden sei, entstehe "eine Atmosphäre, in der die Gesellschaft gebrechlichen Menschen ein inneres Gefühl der Sinnlosigkeit bestätigt." Die christliche Botschaft sei eine andere: "Durch unsere Palliativmedizin, durch unsere Hospize sagen wir diesen Menschen: auch wenn du selbst an deinen Wert nicht mehr glaubst, wir glauben an deinen Wert. Die Hospizbewegung ist unsere christliche Antwort gegen die aktive Sterbehilfe." Die Erfahrung mit Menschen in der Hospizarbeit habe auch ihn selbst sehr in seinem Christsein bestärkt, habe er dort doch echte Barmherzigkeit verwirklicht gesehen. Die Menschen, die dort Sterbende begleiteten, zeigten, wie Menschen wirklich in Würde leben dürften und sterben könnten. "Denn der Tod gehört zum Leben dazu", sagt der Bischof.

Er betont, dass in den Hospizen die aus der christlichen Tradition kommende Kunst zu sterben "mit beeindruckender menschlicher Zuwendung und medizinischer Professionalität zugleich praktiziert" werde. Wichtig sei es, die Atmosphäre und Mentalität eines Hospizes auch in anderen Bereichen zu fördern. Der Bischof kritisiert deutlich, dass heute nahezu alles nur noch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen werde: "Angesichts der in unserer Gesellschaft allerorts durchdringenden ökonomischen Maßstäbe und der finanziellen Schwierigkeiten unseres Gesundheitssystems fällt es schwer zu glauben, dass das Schielen auf die höheren Kosten palliativer Versorgung und hospizlicher Arbeit im Vergleich zu einer Legalisierung der aktiven Sterbehilfe gar keine Rolle spielt. Aber Finanzprobleme eines Gesundheitssystems auf Kosten der Schwächsten auszutragen, halte ich für völlig unangemessen in einer Gesellschaft wie der unseren."

Das komplette Interview findet sich in der aktuellen Ausgabe von "Caritas in NRW" sowie von der Bistumszeitung "Kirche & Leben" und auch im Internet unter www.caritas-nrw.de.

Download Audio:

- Haltung der Kirche
- Befürchtungen bei Legalisierung
- Veränderungen bei Legalisierung
- Gegenmodell der Kirche

Text: Bischöfliche Pressestelle
Kontakt: Pressestelle[at]bistum-muenster.de