Bischof Wanke gibt in Münster Ratschläge für die Glaubenspraxis

Der emeritierte Bischof von Erfurt, Dr. Joachim Wanke, hat die Christen dazu aufgefordert, ihre Minderheitssituation zu akzeptieren, den Glauben an die eigene Berufung zu wahren und aus dem christlichen Glauben heraus zu leben.

Die Kirche müsse Angebote auf Augenhöhe machen, die Nichtgläubige einbeziehe. Seelsorger müssten zu einer empathischen Betrachtungsweise kommen, die von weitgehender Annahme geprägt sei.

Bischof Wanke sprach am Sonntag, 9. November 2014, in der Petrikirche in Münster. Er hielt einen Festvortrag mit dem Titel "Im Osten Deutschlands als Christ leben – Ratschläge für die Glaubenspraxis aus dem 1. Petrusbrief und aus ostdeutscher Kirchenerfahrung". Anlass waren das Patronatsfest des Bischöflichen Priesterseminars Borromaeum und das Gedenken des Mauerfalls vor 25 Jahren.

Bischof Wanke verglich die Lebenswirklichkeiten und Erfahrungen der Gläubigen in der früheren DDR mit der Situation der ersten Christengemeinden, an die der erste Petrusbrief adressiert ist. Das Leben in beiden heidnisch geprägten Mehrheitsgesellschaften sei geprägt gewesen von Verleumdungen, Beschimpfungen, Schikanen und Benachteiligungen. Allein durch das Anders-Sein der Christen erkläre sich ihre Ausgeschlossenheit in der Gesellschaft. Der Bischof stellte fest, dass die "Normalsituation, mit der ein Christ in dieser Weltzeit zu rechnen hat", die Diaspora sei, also ein Leben von Christen als Minderheit in einer nichtchristlichen Mehrheitsgesellschaft. In dem Kontext erwähnte der Bischof die "bitteren Verfolgungsleiden", die Christen heute in manchen islamischen Ländern erfahren müssten.

Er nehme in der Kirche im Osten Deutschlands einen Lernprozess wahr, schilderte Wanke. Dort beginne sich die Haltung durchzusetzen, dass Kirche potentiell Heimat für alle Menschen sei, auch für Bedrängte, Zweifler und Nichtglaubende. Durch diese Sichtweise verändere sich die kirchliche Gestalt und Arbeitsweise: "Da wird aus der ‚Festung‘ Kirche auf einmal ein Haus mit offenen Türen". Die Pastoral wandele sich, wenn man bei kirchlichen Angeboten mit Menschen aus anderen Kontexten und deren Sichtweisen rechne und sie einbeziehe: "Erstaunlich ist, was z.B. die Idee des Erfurter Weihbischof Dr. Hauke bewirkte, einen neutralen, freilich christlich formatierten Ersatz für die ehemalige kommunistische Jugendweihe zu etablieren, und zwar für nichtgetaufte(!) junge Leute", erklärte der Bischof. Es gebe "gottlob viele kleine und größere Initiativen in unseren Gemeinden, Verbänden, Geistlichen Bewegungen, die bereitwillig Lernschritte auf eine selbstbewusstere missionarische Präsenz von Kirche hin machen". Es gehe es "um ein ehrliches Angebot auf Augenhöhe", wenn etwa nichtkirchliche Künstler im sakralen Raum arbeiteten oder Glaubende und Nichtglaubende in Arbeitsfeldern wie der Hospiz- oder Flüchtlingsarbeit sich gemeinsam engagierten.

Der Glaube an Christi Rettungstat rufe alle Gläubigen nach neuem Verhalten, nach Heiligung, stellte Wanke klar und konkretisierte "Es geht um Treue in der Ehe, um ein Tätig-Sein in der Welt ohne Habsucht, ohne betrügerische Geschäfte. Es geht um ein rechtschaffenes Leben, das den eigenen Aufgaben nachgeht und nicht schmarotzt auf Kosten anderer". Christentum sei "keine Wohlfühl-Religion, die meint, eine Versuchung am besten dadurch zu überwinden, dass man ihr möglichst schnell nachgibt". Die Lebenstauglichkeit des Evangeliums werde eben nicht durch Mehrheiten bei Meinungsumfragen ermittelt.

Gerade auch junge Menschen sollten durchaus wissen, "dass es sich lohnt, sich auch hohen Maßstäben zu stellen. Aber eben: immer auch neu beginnen zu dürfen!", hob Bischof Wanke hervor. Wenn Jugendliche merkten, "dass ihnen ihr christlicher Glaube hilft, den Zwängen der Werbung, einer Cliquenabhängigkeit und der Faszination durch falsche Lebensidole zu widerstehen, ist ein wichtiger Durchbruch zur Eigenständigkeit hin, zur ‚Selbstwerdung‘ geschafft".

An die Seelsorger gerichtet regte Wanke an, "einen wirklich nachhaltigen kirchlichen Neuaufbruch" zu wagen. Wenn sie mit einem Vorverständnis vor die Gemeindemitglieder träten: "Ich habe es mit von Gott Berufenen zu tun! Ich bin hier nicht der große Macher, der alles bewirken und am Leben erhalten muss.

Ich darf damit rechnen, dass in diesen Gläubigen Gott selbst am Werk ist", ergäbe sich "eine befreiende Sicht auf mancherlei Problemstellungen in der Kirche heute", eröffne "sich eine neue, sich am Evangelium orientierende Perspektive". Nachhaltige Wandlung und Erneuerung erfolge durch Annahme, betonte der Bischof, durch das Signal: "Du darfst hier sein, so wie du bist". Seelsorge fange "dort an, wo der mir begegnende konkrete Mensch derzeit steht – und zwar so, wie er ist, vielleicht nur sporadisch beim Sonntagsgottesdienst auftauchend, mit einer bunten Biografie, mit kirchlich nicht ganz stubenreinen Ecken", stellte Bischof Wanke klar. "Eine solche empathische Betrachtungsweise" müsse "unter uns wachsen, im Kern unserer Gemeinden, unserer Ortskirchen, bei uns Bischöfen und Priestern", forderte der emeritierte Bischof.

startseite/2014/Wanke_Priesterseminar_2014_11_09.pdf

Vortrag von Bischof Dr. Joachim Wanke.

Text: Bischöfliche Pressestelle
Kontakt: pressestelle[at]bistum-muenster.de
Foto: Th1979 via Wikimedia Commons