Zum ersten deutschlandweiten Ehrentag anlässlich des 77. Geburtstags des Grundgesetzes am 23. Mai besucht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vom 18. bis 30. Mai zahlreiche Initiativen im ganzen Land. Seine erste Station führte ihn in die Stadt Dorsten. Das ist kein Zufall: Hier hat ein breites Bündnis bereits vor einigen Jahren auf Initiative von Prof. Werner Springer die „Dorstener Tage des Grundgesetzes“ ins Leben gerufen.
Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger engagieren sich in Dorsten in vielfältiger Weise für Menschenwürde, Demokratie und Respekt. Davon machten sich der Bundespräsident und seine Ehefrau Elke Büdenbender persönlich ein Bild. Gemeinsam mit drei Achtklässlern des St.-Ursula-Gymnasiums reinigten sie Stolpersteine vor der ehemaligen Wohnung der jüdischen Familie Schöndorf. Die Schule hatte bereits 2017 die Patenschaft für diese Stolpersteine übernommen.
Im Jüdischen Museum besuchte das Ehepaar Steinmeier die Ausstellung „Menschen mit Behinderungen an ihren alltäglichen Orten“, gestaltet von Schülerinnen und Schülern des Paul-Spiegel-Berufskollegs. Die 13 angehenden Heilerziehungspflegerinnen und -pfleger stellen in ihren Fotografien das Recht auf Teilhabe von Menschen mit Einschränkungen in den Mittelpunkt. Zudem erhielt der Bundespräsident einen Einblick in die Geschichte und Arbeit des Jüdischen Museums, das viele Jahre ehrenamtlich getragen wurde.
Schülerinnen und Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums überreichten dem Bundespräsidenten ein Aktions-T-Shirt.
Mit einer Fahrrad-Rikscha ging es anschließend weiter zum Grundgesetzladen, dem zentralen Ort der Dorstener Aktionstage. Getragen von einem breiten Netzwerk aus Stadt, Schulen und Initiativen, wird er eine Woche lang mit Leben gefüllt. Für einen besonderen Moment sorgte der sechsjährige Oscar: Der Zweitklässler überreichte dem vorbeifahrenden Bundespräsidenten einen roten Brief. Steinmeier nahm ihn lächelnd entgegen und sagte: „So viel Mut muss belohnt werden“, bevor er sich kurz mit dem Jungen unterhielt. „Ich wollte ihm ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das habe ich geschafft“, erklärte Oscar anschließend stolz.
So nahbar wie in dieser Begegnung zeigte sich der Bundespräsident auch an allen Stationen. Beim Gang entlang einer Menschenkette aus 160 Schülerinnen und Schülern des St.-Ursula-Gymnasiums, die den Grundgesetzladen mit dem Alten Rathaus verband, suchte er immer wieder das Gespräch. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger schlossen sich an und verlängerten die Kette durch die Innenstadt.
Gemeinsam mit Prof. Werner Springer, Ideengeber der „Dorstener Tage des Grundgesetzes“, fuhr Frank-Walter Steinmeier mit einer Fahrrad-Rikscha.
Den Abschluss bildete ein ökumenischer Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Agatha unter dem Leitwort „Würde verbindet uns“. In seiner Predigt betonte Weihbischof Rolf Lohmann, dass jeder Mensch mit unantastbarer Würde geschaffen sei: „Deshalb stehen Kirche und Staat gemeinsam für den ersten Artikel des Grundgesetzes ein: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar.‘ Diese Würde ist zugleich Wirklichkeit und Auftrag, denn sie wird täglich verletzt und muss immer wieder neu geschützt werden.“ Für die Menschenwürde und die Grundrechte einzutreten, aus der Vergangenheit zu lernen und Unrecht aufzuarbeiten, bleibe eine gemeinsame Verantwortung.
In seiner Ansprache dankte Bundespräsident Steinmeier den Menschen in Dorsten: „Ich habe viel Engagement in dieser Stadt erlebt. Man kann spüren, dass hier nicht nur der Glaube lebendig ist, sondern auch das Engagement von Menschen miteinander und füreinander.“ Gleichzeitig unterstrich er die Bedeutung des Grundgesetzes: „Unser Grundgesetz steht für Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie – Errungenschaften, die alles andere als selbstverständlich sind.“ Demokratie lebe vom Mitmachen: „Sie braucht Menschen, die sich einbringen und sie zu ihrer eigenen Sache machen.“ Abschließend rief er zum gemeinsamen Handeln auf: „Wir entscheiden, was wir daraus machen – für unsere Verfassung, unsere Demokratie und unser Miteinander.“
Michaela Kiepe
Foto oben: Nach dem ökumenischen Gottesdienst auf dem Kirchplatz: (von links) Gemeindevorsteher Klaus Bublitz, Vikarin Dr. Lisa Stiller, Superintendent Steffen Riesenberg, Diözesanadministrator Dr. Antonius Hamers, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Weihbischof Rolf Lohmann, Bürgermeister Tobias Stockhoff und die in Dorsten aufgewachsene Ministerin für Schule und Bildung NRW Dorothee Feller.