Den Tod unbefangen als Teil des Lebens begreifen

Elijah Nückel ist gerade 22 Monate alt. Er kniet auf einem Spiegel in einem Sarg und hat Spaß, sich zu sehen.

"Irgendwann liegst auch du in einem Sarg", steht in weißer Schrift auf himmelblauem Grund. - "Gemeinsam statt einsam": Unter dieser Überschrift haben am bundesweiten ‚Tag des Friedhofs‘, in diesem Jahr am 19. und 20. September, vielfältige Aktivitäten rund um die Gedenkstätten stattgefunden.

In Selm auf den Friedhof ‚Auf der Geist‘, wo Elijah Nückel sein Spiegelbild im Sarg sah, luden die katholische Familienbildungsstätte, die Hospizgruppe Selm-Olfen, die Volkshochschule und andere Einrichtungen Groß und Klein zu Führungen, Informationen und Musik ein.

Was auf den ersten Blick makaber anmutet, spiegelt ein Ziel des Informationstages wider: die Auseinandersetzung mit dem Tod als Teil des Lebens, eine Enttabuisierung. "Ich finde das wichtig", sagt Elijahs Mutter Julia. "Ich hatte das nicht. Die Beerdigung meiner Uroma damals war komisch. Je unbefangener der Umgang mit dem Tod ist, desto einfacher können die Kinder damit umgehen."

Ein paar Meter weiter bemalen Lionel und Isabel Gugenheimer einen Sarg. Lionel nimmt einen dicken Tropfen blauer Farbe auf den Borstenpinsel. "Das Meer", ist der Dreijährige begeistert. "Jetzt kommen die Wellen." Dann tunkt er den Pinsel in den Topf mit roter Farbe, mischt die Flächen an der Kopfseite des Sargdeckels. "Jetzt Gelb", ruft er. Schwester Isabel ist in sich versunken, malt ein Herz. "Eine schöne Idee, einen Sarg zu bemalen", erzählt die Neunjährige. "Als Opa starb, war das schon schlimm." Gerne hätte sie da auch den Sarg bemalt, um Abschied zu nehmen. Jetzt kommt sie jede zweite Woche auf den Friedhof und besucht das Grab.

"Die Möglichkeit, Särge oder Urnen individuell zu gestalten, besteht", erklärt Elisa Becker vom örtlichen Bestattungsunternehmen. "Vielen Menschen ist es heute wichtig, ihre persönliche Note einzubringen." Was vor zehn Jahren noch als pietätlos galt, ist heute ein aktiver Umgang mit dem Tod und der Trauer.

"Schon junge Leute in Eltern-Kind-Gruppen gehen offener mit dem Sterben um", bestätigt Heidemarie Schmidt von der Katholischen Familienbildungsstätte (FBS) Selm. "Palliativmedizin ist ein nachgefragtes Thema, Trauerbegleitung und psychologische Beratung sind heute Gott sei Dank üblich." Vor diesem Hintergrund entstanden unter Begleitung der FBS die Hospizgruppe Selm-Olfen und die Gruppe ‚Pusteblume‘.

Mit einem eigenen Grabfeld bietet die Gruppe ‚Pusteblume‘ die Möglichkeit, fehlgeborene Kinder mit einem Gewicht von unter 500 Gramm beizusetzen. Am Tag des Friedhofs informieren die ehrenamtlichen Mitglieder der Gruppe über diesen besonderen Ort des Abschiednehmens. "Als wir das Grabfeld eröffnet haben, war ein älteres Ehepaar dabei und hat geweint", berichtet Heidemarie Schmidt. "Sie erzählten, dass sie vor 40 Jahren ein Kind verloren hätten und nun zum ersten Mal hier trauern könnten."

Anna Leenders führt am Tag des Friedhofs kleine Gruppen durch die weitläufige Grünanlage. Die Bereichsleiterin der Friedhofsverwaltung der Stadtwerke Selm erklärt die Vielzahl der Möglichkeiten für Urnen- und Erdbestattungen. Für Heidemarie Schmidt ist die Wahlmöglichkeit, die sich nicht allein an den finanziellen Möglichkeiten der Hinterbliebenen orientiert, nur folgerichtig. "Wir haben Wert darauf gelegt, dass unsere Kinder individuell werden und so ihr Leben gestalten. Genauso ist das dann heute auch mit der Bestattung."

Vorn am Eingang haben die Einrichtungen Informationsstände und Tischgruppen aufgebaut. Während Elijah, Lionel und Isabel Süßigkeiten naschen, unterhalten sich die Erwachsenen bei Kaffee und Kuchen. Der Friedhof ‚Auf der Geist‘ als Treffpunkt: Das ist ganz im Sinn von Bürgermeister Mario Löhr. In seiner Begrüßung am Vormittag hatte er betont, dass dieser Ort für die Stadt ein wichtiger öffentlicher Raum sei, der wie ein Park und ein Ort der Begegnung gesehen werden solle.

Text: Bischöfliche Pressestelle
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