DFI Hannelie Frieberg
Am Bibel teilen in Münster-Kinderhaus nehme ich gerne teil. Dort erhielt ich die Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte Domfrau zu sein. Große Spannung!
Und dann kam der Gang am ersten Kennenlernabend, durch den großen, stillen Dom. Nur und ganz für uns. Ziel: Unser – meinen Frauenort zu finden. Die Aufgabe der Domfrau stellte sich nämlich so dar: Eine Jede von uns solle eine Frau finden, zu der sie eine besondere Beziehung haben könnte. Bei der Vorstellung dachte ich sofort an das Pestkreuz. Jedoch war das keine Frau. Also bemühte ich mich beim Domgang sehr offen zu sein und auf eine Frau zu treffen. Vergebens. Es blieb für mich bei dem Pestkreuz. Es war nicht so, dass ich darüber sehr viel gewusst hätte. Aber es ist zu "meinem Kreuz" geworden. Und das kam so:
1992 Kreuztracht mit dem Pestkreuz des Domes. Es wurde in Münster von Gemeinde zu Gemeinde getragen, blieb dort für eine Woche, um dort verehrt zu werden und um dann wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückzukehren.
In Kinderhaus gab es die Feier zum 650- jährigen Bestehen der Gemeinde St. Josef. Deshalb war diese Gemeinde die erste Station in der Kreuztracht. Als erste evangelische Gemeinde ging das Kreuz dann an die Nachbargemeinde, in die Markuskapelle. So wurde dieses vorher für mich unbekannte Kreuz zu meinem Kreuz: Es wurde mir zum Tragen von St. Josef Kinderhaus zur evangelischen Markuskapelle anvertraut. Ich trug es – und mit seiner Schwere meine eigene damalige schwere Lebenssituation.
Während meiner Zeit als Krankenschwester gehörte es zu meinen Aufgaben, sterbende Menschen zu pflegen. Da war "mein Kreuz" im Dom der richtige Ansprechpartner, denn dort hängt auch das Gebet um eine selige Sterbestunde.
Auch als ich selbst schwer erkrankte, fand ich selbst dort hin.
Das Pestkreuz stammt aus dem 14. Jahrhundert. Münster wurde im 14. Jahrhundert von einer Pestepidemie und einem großen Brand gepeinigt. Ein Gelöbnis der Münsteraner, dass damals gegeben wurde, wird bis heute gehalten: jährlich eine Dank- und Bittprozession.
Die Namen "Vortragekreuz, Sterbekreuz, Schwarzer Heiland" gehören auch zu diesem Kreuz.
Vortragekreuz meint, dass es in früheren Zeiten in der Fastenzeit zur Bußprozession vorher getragen wurde.
Sterbekreuz beschreibt das Gebet um eine selige Sterbestunde.
Schwarzer Heiland: Da die Pest auch als schwarze Krankheit betitelt wird.
Während des Stehens unter dem Kreuz ist mir ein altes Lied eingefallen aus meiner Kinder- und Jugendzeit. Ich kann es noch auswendig:
"Zu Dir in schwerem Leid komm ich mein Herr und Gott und such Barmherzigkeit in meiner Seelennot. Zum bitt‘ren Kreuz blick ich hinauf, da quillt die Gnad in vollem Lauf. Jesu, Jesu erbarm Dich über mich. Ach, über mich erleucht Dein Angesicht."
("Sursumcorda", Paderborn 1948)
