DFI Toni Löbbel

Ich bin eine Kirchenbank, und stehe im Paulusdom in Münster.

Von 1539 an - nach den Täuferunruhen – stehe ich an den Schrankwänden des im Hochchor eingebauten Chorgestühls mit zwölf erhaltenen geschnitzten Wangen.. 1955 wurden wir mit neuen Kirchenbänken verbunden und stehen seitdem im Westchor.

Ursprünglich befanden sich auf jeder Seite nebeneinander zwei Gruppen von je drei um eine Stufe ansteigende Bänke, von denen die oberen für die Domherren, die mittleren für die Vikare und die vorderen für die Chorsänger bestimmt waren. Die Wangen unserer Kirchenbänke sind aus Eichenholz geschnitzt und zeigen den

  • Hl. Paulus mit erhobenem Schwert und Buch,
  • Hl. Paulus, auf das Schwert gestützt
  • Hl. Matthäus und Lukas
  • Hl. Petrus mit Buch und Schlüssel
  • Hl. Petrus in einer Muschelnische
  • Hl. Markus und Johannes
  • Hl. Christopherus, der denBaum in der Linken hält und das Kind auf der Schulter trägt. Links Felsenlandschaft mit Bäumen, in der Mitte hinter dem Wasser der Einsiedler vor einer Kirche.

Eine besondere Kirchenwange ist mit einem Fischblasenmaßwerk mit Cherubskopf geschnitzt, als Bekrönung drei Profilköpfe, davon die mittlere mit vierseitigem Gesicht.

Eine andere Wange ist auch mit einem Fischblasenmaßwerk geschnitzt und als Bekrönung mit mehreren auf den Ecken zurück gewendete Seehundsköpfe, in der Mitte ein zweiseitiges Kindergesicht.
Das Fischblasenmaßwerk ist einer wirklichen Fischblase nachempfunden und wird zu zwei, drei oder vier Blasen wie ein Ornament angeordnet, so dass es besonders schön aussieht.

Ursprünglich standen noch zwei andere Kirchenbänke im Westchor, von denen nur noch eine erhalten ist. Sie stehen jetzt in der Nähe der Anna Selbdritt. Diese Bänke sind nach einer alten Überlieferung eine Bettlade für die schlafenden Nachtwächter gewesen. Auch diese sind nicht von den Widertäufern zerstört worden, weil sie nur abstrakt-ornamental dekoriert sind und keine Provokation darstellten.
Die Geschichten, die ich, -eine Kirchenbank-, erzählen könnte, sind traurig und fröhlich. Die Menschen sitzen hier in Kriegszeiten und flehen und bitten. Sie sitzen hier und ruhen sich aus. Sie sind glücklich über eine Begebenheit in ihrem Leben und danken Gott.

Ein Mann erzählte: “Ich habe auf einer Kirchenbank hier im Dom gesessen, als mein Vater kurz vor Ende des Krieges doch noch eingezogen wurde. Ein Stück seines Weges habe ich ihn begleitet, dann habe ich hier gebetet und geweint. Nach einer Weile war ich irgendwie erleichtert. Als ich aus der Kirche komme, sehe ich meinen Vater zurückkommen, man hatte ihn nicht mehr gebraucht, der Krieg war zu Ende.”

Text: Marietheres Stockhofe-Fernandes
Kontakt: Frauen[at]bistum-muenster.de