DFI_Wacker
Warum habe ich mich an der Aktion "Domfrauen" beteiligt?
Als Theologin gehe ich gern in den Dom, weil er nicht nur ein Haus des Gebetes ist, sondern auch steingewordene Geschichte in einer bedeutenden Stadt, in der das Zusammenleben der Kulturen, Konfessionen und Religionen in Toleranz und Gerechtigkeit eine große Herausforderung darstellt.
Welches war mein "Ort" im Dom als Domfrau?
Mein Ort war das Paradies des Domes. Dort, über dem Haupteingang, der ins Dominnere führt, sind links und rechts Steinreliefs als Türsturz angebracht, die man in die Zeit der Domeinweihung vor 750 Jahren datieren. Das rechte stellt "Pauli Bekehrung" dar, seinen Sturz vom Pferd und seine Bergung in einem Haus; das linke ist thematisch etwas komplexer: in der Mitte thront Maria als Königin, das Christuskind auf ihrem Schoß, links nahen die drei Könige, dargestellt in den drei Lebensaltern, rechts geht es um die "Darstellung" (oder auch: Beschneidung) Jesu, der vom greisen Simeon über den Altar gehalten wird. Der Bezug dieser beiden Außenszenen auf Maria erschließt sich, wenn man erkennt, wie der Bereich zu Füßen der königlichen Frau gestaltet ist: ihre reich bestickten Schuhe treten auf zwei menschliche Gestalten in gebückter, ja geradezu verzerrter Körperhaltung.

Die rechte wird durch den Fuß im Nacken niedergehalten, das kreisrunde Gesicht mit dem krausen Haar ist voll den Betrachtenden zugewandt, die Beine sind angezogen, den Händen gelingt es gerade noch, den Körper abzustützen. Die linke Gestalt wirkt geradezu an den Boden genagelt, ihr linkes Bein scheint hilflos in der Luft zu rudern, der Fuß der Himmelskönigin trifft den Kopf, von dem ein Hut herabgleitet – der spitze Judenhut. Die beiden Gestalten, die den Thronschemel Mariens bilden, symbolisieren das Heidentum und das Judentum, das sich nicht zu Christus bekennt, während die drei Könige als die "guten Heiden" dem Kind huldigen und die "guten Juden" selbst in ihrem Tempel Jesus als den Messias anerkennen. Dadurch, dass dieses Marien-Relief mit dem ursprünglich wohl nicht zusammengehörigen Paulus-Relief nun ein Fries bildet, wird die anti-jüdische Botschaft in den Vordergrund gestellt: auch Paulus gehört ja nach traditioneller Auffassung auf die Seite derjenigen Juden, die sich bekehrt haben.
In einer Kirche, in der nach wie vor täglich gebetet wird, sind solche Kunstwerke keine vergangene Vergangenheit, sondern Teil der Tradition, die in die Gegenwart hineinragt. In einer Stadt wie Münster, in der es eine große jüdische Gemeinde gibt und auch andere Religion, allen vor der Islam, heimisch zu werden beginnt, ist die Darstellung der Himmelskönigin, die Judentum und Heidentum mit Füßen tritt, doppelt anstößig. Sie ist anstößig als Ausdruck einer Theologie, die seit dem II. Vatikanischen Konzil in unserer Kirche überwunden sein sollte, sie stößt aber auch zum Nachdenken: was könnten wir tun, um Vertreterinnen und Vertretern des Judentums, des Islam, anderer Religionen "auf Augenhöhe" zu begegnen, statt sie "mit Füßen zu treten"?

Was habe ich erlebt bei der Vorstellung meines "Ortes"?
Eine ganze Reihe von Frauen haben spontan geäußert: das ist nicht meine Maria! Dieses Marienbild hat in meiner Beziehung zu Maria keinen Platz! Oder auch: war denn Maria nicht selbst eine jüdische Frau und Jesus ihr jüdischer Sohn? Wie konnte man so "falsch" von Maria und Jesus denken? Ich habe mich natürlich über diese Reaktionen gefreut, denn sie zeigen, dass die Theologie der Ausgrenzung, die dieses Relief ausstrahlt, heute von den Gläubigen nicht mehr akzeptiert würde. Manche Frauen sagten aber auch, dass sie ab jetzt anders in den Dom hineingehen würden, nachdenklicher, vielleicht auch kritischer.
Text: Marietheres Stockhofe-Fernandes
Mail: Frauen[at]bistum-muenster.de
