
Dr. Detlef Ziegler
© Bischöfliche Pressestelle / Ann-Christin LadermannDie letzten Wochenenden waren sehr bewegend und am Ende mehr als verstörend. Erst der CSD am 15. August in Münster; tausende Menschen zogen durch die Innenstadt, direkt an meiner Haustür vorbei. Zwei Wochen später der NRW-Tag, ebenfalls in Münster, aus Anlass des 80-jährigen Bestehens unseres Bundeslandes. Beide Ereignisse waren Feste des Miteinanders, friedlich und bunt, und zeigten die Vielfalt in unserer Gesellschaft sowie das Engagement so vieler und ihren Einsatz für Gerechtigkeit, Pluralität und Gemeinsinn. Das hat richtig gutgetan, und es war mir eine Freude, nicht nur zuzuschauen, sondern auch mitmachen zu dürfen, etwa bei der Begegnung der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam im Rahmen der Blaulichtmeile der Polizei vor dem Münsteraner Schloss.
Und dann der Schock eine Woche später, der Ausgang der Wahl in Sachsen-Anhalt. Das Ergebnis kam nicht überraschend, die meisten Umfragen vor der Wahl ließen nichts Gutes erwarten. Es gab viele warnende Stimmen, auch aus den Reihen der Kirchen, die nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrigließen. Es hat nicht gefruchtet, das Ergebnis ist niederschmetternd, auch wenn es zu respektieren ist als Ausdruck demokratischer Willensbildung. Aber abfinden möchte ich mich damit nicht. Was nun?
Während ich dies schreibe, liegt auf meinem Schreibtisch das zuletzt erschienene Buch des Münsteraner Politikers Ruprecht Polenz. Es trägt den provozierenden Titel: „Wie ein Volk den Verstand verliert.“ Es geht Polenz nicht um Wählerbeschimpfung, mir auch nicht. Ich halte mich selbst für einen geschichtlich und politisch denkenden und engagierten Menschen. Von daher halte ich auch nicht viel von dem Satz: „Geschichte wiederholt sich.“ Das tut sie nicht. Aber Geschichte reimt sich, in dem Sinne: Es sind oft dieselben Versuchungen und Verirrungen, die zu ihrer Zeit, kontextuell jeweils unterschiedlich, Menschen und Gesellschaften in eine Existenzkrise führen können. Die deutsche Geschichte weiß davon zu erzählen, was mit einer Demokratie passiert, wenn ihr die Demokraten ausgehen. Das Schicksal der Weimarer Republik sollte uns zu denken geben. Und uns zum Streiten und Handeln ermuntern.
Es geht nicht darum, pauschal die „Nazikeule“ zu schwingen. Aber eines muss klar sein und entschieden gesagt werden: Wer die AfD wählt, wählt keine demokratische Partei. Diese Partei will eine andere Gesellschaft und einen anderen Staat, in dem ich und mit mir viele andere nicht leben möchten. Wer diese Partei wählt, muss sich die Rückfrage gefallen lassen, ob er oder sie noch ein/e Demokrat/in ist. Hinter der Entscheidung in Sachsen-Anhalt steckt schon längst kein bloßes Protestverhalten mehr. Viele haben die AfD aus Überzeugung gewählt. Dagegen gilt es zu streiten und, wenn es sein muss, mit friedlichen Mitteln zu kämpfen.
Wo stehen wir in Zeiten wie dieser als Kirche, als Christinnen und Christen? Bischof Feige aus Magdeburg hat dazu klare Worte gefunden, ebenso unser Bischof, auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Bischofskonferenz. Ersterer hat den Platz der Kirche klar benannt. Konfessionsübergreifend ist unser Platz an der Seite der Menschen mit Behinderung (gegen eine pauschale Verunglimpfung etwa der Inklusion an Schulen!), an der Seite der Menschen mit traumatischen Fluchterfahrungen, an der Seite queerer Menschen und all derer, die in Kultur, Wissenschaft und Medien für Freiheit und Vielfalt eintreten.
Auch wenn er es selbst so nicht gesagt hat, so trifft es doch die Haltung des französischen Aufklärungsphilosophen Voltaire: „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen!“ Das kann und darf aber nicht bedeuten, alles durchgehen zu lassen, was Vertreter der AfD hinausbrüllen. Wer Grenzen des Anstands und der Humanität überschreitet, muss mit Widerspruch und, wenn es sein muss, mit entschiedenem Widerstand rechnen. Bis hierher und nicht weiter!
