
Dr. Gabriele Grieshop
© privatUnter dem Titel „Kreuz zeigen, weil Gesellschaft Haltung braucht“ finden in diesem Jahr zahlreiche Veranstaltungen zur Erinnerung an den Kreuzkampf im Oldenburger Münsterland statt. Im Jahr 1936 sollten alle Kreuze aus Schulen und öffentlichen Gebäuden entfernt werden. Eine ganze Region stellte sich damals gegen das NS-Regime und verteidigte ihre Überzeugung mit beeindruckender Geschlossenheit. Heute möchte man daran und einladen, demokratisch wachsam zu sein und selbst Haltung zu zeigen – für mehr Mut zum Miteinander.
Wir als Berufsbildende Schule in katholischer Trägerschaft beteiligen uns gerne, zum Beispiel in Form eines Debattierwettbewerbs oder im Rahmen einer Schulwallfahrt. Überhaupt ist uns sehr daran gelegen, Schule als Ort der Demokratie und gleichermaßen als Ort des Glaubens zu verstehen. Weil dem so ist, habe ich mich über zwei aktuelle Bestrebungen aus dem niedersächsischen Kultusministerium sehr gewundert.
Zum einen möchte man das Unterrichtsfach Politik in der gymnasialen Oberstufe aus der verbindlichen Stundentafel entfernen und diesem einen Wahlcharakter zukommen lassen. Zum anderen wollte man das Unterrichtsfach Religion aus der verbindlichen Stundentafel der Fachschule Sozialpädagogik sowie der Fachschule Heilpädagogik streichen.
Während das erstere noch in der Diskussion ist, ist die zweite Überlegung vom Tisch. Wir berufsbildenden Schulen in katholischer Trägerschaft waren wachsam und haben auf Initiative des Katholischen Büros Stellungnahmen verfasst mit dem deutlichen Hinweis, hier genau hinzuschauen. Denn wo sonst – außer im religions(pädagogischen) Unterricht – kommen heute noch angehende pädagogische Fachkräfte in die reflektierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben sowie den religiösen Ausrichtungen von Menschen unterschiedlicher Kulturen oder aber mit Grenzfragen des Lebens im Umgang mit Tod und Trauer. Unser entrüstetes Aufbegehren war von Erfolg gekrönt: Im Februar erreichte uns ein Schreiben der Kultusministerin Julia Willie Hamburg, dass das Ministerium von seinem Vorhaben diesbezüglich Abstand nimmt.
Ich würde mir wünschen, dass man auch im anderen Fall ein Einsehen hat. Für mich gibt es hier keine Option: Ich möchte, dass sich unsere Schülerinnen und Schüler gezielt auseinandersetzen mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Sie sollen befähigt werden, nicht blind Meinungen zu verfallen, sondern eigene Positionen zu beziehen, Stellung zu nehmen, Argumente zu liefern und anderen Argumenten standzuhalten. Immer vor dem Hintergrund, tolerant gegenüber Mehrdeutigkeit und respektvoll im Miteinander zu sein. Um solch eine informierte Offenheit auszubilden, braucht es eigene Gestaltungsspielräume, die meines Erachtens nicht als Nebenschauplätze im Geschichts- oder Erdkundeunterricht angedockt sein sollten.
Für mich persönlich sind beide Bestrebungen gleichermaßen besorgniserregend. Denn demokratisch wachsam kann ich nur sein, wenn ich um (m)einen Wertekompass weiß und ich diesen auch vertreten kann.
