Dr. Gabriele Grieshop: Gesellschaft braucht Haltung

, Bistum Münster

Themen gibt es viele, Meinungen noch mehr. Nicht immer werden sie sachlich vorgebracht und ausgetauscht. Und viel zu oft bestimmen Empörung, Negativität, Ich-Bezogenheit und gegenseitige Attacken die Diskussionen. „Die Montagsmeinung“, das Meinungsformat des Bistums Münster, soll hier ein anderes Zeichen setzen. Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kirche, die sich dem Bistum verbunden fühlen, setzen sich darin mit Themen auseinander, die für sie und andere relevant und aktuell sind. Die Autorinnen und Autoren lassen es aber nicht bei Klagen und Kritik. Sie haben vielmehr konstruktive Ideen und Lösungsansätze. Diese teilen sie mit uns an dieser Stelle alle 14 Tage montags.

Heute hat Dr. Gabriele Grieshop unsere Montagsmeinung geschrieben. Nach der Promotion in der Didaktik der Mathematik war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Lehrkräfte-Ausbildung im Fach Mathematik an der Universität Vechta von 2005 bis 2016 und an der Universität Oldenburg von 2016 bis 2019 sowie ab 2009 Mathematiklehrerin an den Berufsbildenden Schulen BBS Marienhain in Vechta. Seit 2019 ist sie deren Schulleiterin. An der BBS werden heilpädagogische und pädagogische Fachkräfte (Erzieher/innen und Heilpädagogen/innen) und Pflegefachkräfte ausgebildet. Zudem kann man die Fachoberschule im Schwerpunkt Sozialpädagogik besuchen. 
Die Autorin hat außerdem eine gastronomische Ausbildung, da ihre Eltern in Vestrup (Bakum / Landkreis Vechta) eine Gastwirtschaft und einen Tante-Emma-Laden betrieben. Sie sagt: „Ich verstehe Schule im Grunde auch als Gasthaus des Lernens.“

Dr. Gabriele Grieshop

© privat

Unter dem Titel „Kreuz zeigen, weil Gesellschaft Haltung braucht“ finden in diesem Jahr zahlreiche Veranstaltungen zur Erinnerung an den Kreuzkampf im Oldenburger Münsterland statt. Im Jahr 1936 sollten alle Kreuze aus Schulen und öffentlichen Gebäuden entfernt werden. Eine ganze Region stellte sich damals gegen das NS-Regime und verteidigte ihre Überzeugung mit beeindruckender Geschlossenheit. Heute möchte man daran und einladen, demokratisch wachsam zu sein und selbst Haltung zu zeigen – für mehr Mut zum Miteinander.

Wir als Berufsbildende Schule in katholischer Trägerschaft beteiligen uns gerne, zum Beispiel in Form eines Debattierwettbewerbs oder im Rahmen einer Schulwallfahrt. Überhaupt ist uns sehr daran gelegen, Schule als Ort der Demokratie und gleichermaßen als Ort des Glaubens zu verstehen. Weil dem so ist, habe ich mich über zwei aktuelle Bestrebungen aus dem niedersächsischen Kultusministerium sehr gewundert.

Zum einen möchte man das Unterrichtsfach Politik in der gymnasialen Oberstufe aus der verbindlichen Stundentafel entfernen und diesem einen Wahlcharakter zukommen lassen. Zum anderen wollte man das Unterrichtsfach Religion aus der verbindlichen Stundentafel der Fachschule Sozialpädagogik sowie der Fachschule Heilpädagogik streichen. 

Während das erstere noch in der Diskussion ist, ist die zweite Überlegung vom Tisch. Wir berufsbildenden Schulen in katholischer Trägerschaft waren wachsam und haben auf Initiative des Katholischen Büros Stellungnahmen verfasst mit dem deutlichen Hinweis, hier genau hinzuschauen. Denn wo sonst – außer im religions(pädagogischen) Unterricht – kommen heute noch angehende pädagogische Fachkräfte in die reflektierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben sowie den religiösen Ausrichtungen von Menschen unterschiedlicher Kulturen oder aber mit Grenzfragen des Lebens im Umgang mit Tod und Trauer. Unser entrüstetes Aufbegehren war von Erfolg gekrönt: Im Februar erreichte uns ein Schreiben der Kultusministerin Julia Willie Hamburg, dass das Ministerium von seinem Vorhaben diesbezüglich Abstand nimmt. 

Ich würde mir wünschen, dass man auch im anderen Fall ein Einsehen hat. Für mich gibt es hier keine Option: Ich möchte, dass sich unsere Schülerinnen und Schüler gezielt auseinandersetzen mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Sie sollen befähigt werden, nicht blind Meinungen zu verfallen, sondern eigene Positionen zu beziehen, Stellung zu nehmen, Argumente zu liefern und anderen Argumenten standzuhalten. Immer vor dem Hintergrund, tolerant gegenüber Mehrdeutigkeit und respektvoll im Miteinander zu sein. Um solch eine informierte Offenheit auszubilden, braucht es eigene Gestaltungsspielräume, die meines Erachtens nicht als Nebenschauplätze im Geschichts- oder Erdkundeunterricht angedockt sein sollten. 

Für mich persönlich sind beide Bestrebungen gleichermaßen besorgniserregend. Denn demokratisch wachsam kann ich nur sein, wenn ich um (m)einen Wertekompass weiß und ich diesen auch vertreten kann.

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