Düstere Mette: Dramatisches Zusammenspiel von Text, Musik und Licht
Anders als sonst strahlt der münstersche St.-Paulus-Dom am Abend des Mittwoch der Karwoche nicht in hellem Licht und im Schein vieler Kerzen. Im Gegenteil: Er verdunkelt sich mehr und mehr. Ohnehin schon spärlich ausgeleuchtet, werden nach und nach 15 Kerzen auf einem Leuchter im vorderen Altarraum der Kathedrale gelöscht. Diese Zeremonie gibt dem Gottesdienst den Namen "Düstere Mette".
Die eigentümliche Stimmung verstärkt der Domchor unter der Leitung von Domkapellmeister Andreas Bollendorf, der die Klagelieder des Propheten Jeremias in Kompositionen von Tommaso Ludovico da Vittoria (1548-1611) sowie Gesänge von Giovanni Pierluigi da Palerstrina (1514-1594) und im Gregorianischen Choral singt. Die "Düstere Mette" mit der ihr eigenen, nahezu schaurigen Atmosphäre führt die Gläubigen zum Anfang vom Ende des Jesus von Nazareth: Den Verrat durch seinen Freund Judas Iskariot. Am Beginn der "Mette" steht die Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu, das er mit seinen Aposteln hielt. Danach nehmen die verhängnisvollen Ereignisse ihren Lauf; im Garten von Getsemani ringt Jesus mit sich und seiner Entscheidung zu sterben. Am Ende steht die Gefangennahme Jesu, nachdem Judas den Soldaten durch einen Kuss ihr Opfer zeigt.
Den Rahmen für diese Erinnerung an den Freundschaftsbruch bieten mehr als 2.500 Jahre alte Texte: Die Klagelieder des Propheten Jeremias entstanden 586 vor Christus zur Zeit der Zerstörung Jerusalems. Darin beklagt der Prophet das Unglück der Stadt, die - von Gott abgewendet - zur Witwe geworden ist, weil Gott als ihr geistiger Ehegemahl sie verstoßen hat. In den "Düsteren Metten" werden sie zum Klagelied Jesu über Jerusalem, das den Gottessohn hinrichtet. Als Trauerklage der Kirche um Christus haben sie ihren Platz in der Karwoche. Die melancholischen Gesänge mit ihren trostlosen Texten zeigen – verbunden mit dem Löschen der Kerzen – das unausweichliche Ziel der Leidensgeschichte an: Den Tod Jesu am Kreuz. Nach dem letzten Gebet wird auch die letzte Kerze ausgelöscht, der Dom in Dunkelheit getaucht. In der Osternacht nimmt diese Lichtsymbolik den umgekehrten Weg: In das dunkle Gotteshaus wird die Osterkerze hineingetragen und die Gläubigen feiern es als "Christus das Licht".
"Unter Lärmen", so der Hinweis zur Liturgie, als Ausdruck der Verlassenheit und der Trauer verlassen die Priester am Ende nicht wie sonst gemeinsam, sondern einzeln und ungeordnet ihren Platz im Chorgestühl. - Eine "gestörte Ordnung" als Hinweis auf die Verstörtheit der Weltordnung im Tod Christi. Und der letzte Gesang des Domchores lautet: "Mein Freund hat mich verraten mit einem Kuss. - Den ich küsse, der ist es, ergreift ihn. - Dieses frevle Zeichen hatte er ihnen gegeben; mit einem Kuss vollbrachte er den Mord. Das Blutgeld warf der Unselige hin und erhängte sich am Ende mit einem Strick..." Die sich nicht auflösen wollende Dissonanz des Schlussakkords – musikalisches Zeichen des Erhängens – klingt noch lange im Gewölbe nach.
Text/Foto: Bischöfliche Pressestelle
Kontakt: pressestelle[at]bistum-muenster.de
