
Durch die gläserne Fassade der Autobahnkapelle in Roxel fällt der Blick unmittelbar auf das große Kreuz im Freien.
Für einen Moment scheint der Lärm der Autobahn in den Hintergrund zu treten. Andrea Schulze bietet der Frau einen Trostspruch und einen Reisesegen an. Die Frau lehnt dankend ab. „Manchmal genügt es einfach, dass jemand da ist“, sagt Andrea Schulze später.
Es sind Begegnungen wie diese, für die Andrea Schulze, Reinhold Leydecker und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Münster an den Samstagen in den NRW-Sommerferien an der Autobahnkapelle Roxel stehen. Sie drängen sich niemandem auf. Sie warten. Auf Menschen, die eine Pause brauchen. Einen Moment der Stille. Oder jemanden, der zuhört.
Schon beim Betreten der kleinen Kapelle verändert sich etwas. Draußen rauscht der Verkehr über die A1, drinnen verblasst die Geräuschkulisse spürbar. Durch die gläserne Fassade fällt der Blick unmittelbar auf das große Kreuz im Freien. „Die Form der Kapelle erinnert an ein Zelt und greift die Situation der Reisenden symbolisch auf“, erklärt Maria Kleineidam, Organisatorin des Reisesegens und Mitglied im Vorstand der ACK Münster.
Seit mehr als 30 Jahren bieten Ehrenamtliche der ACK in den Sommerferien den Reisesegen an. Immer samstags von 8 bis 14 Uhr stehen jeweils zwei von ihnen vor der Kapelle, begrüßen Besucherinnen und Besucher und laden zum Eintreten ein. Wer möchte, kann eine Kerze anzünden, einen Segen empfangen oder einfach einen Moment verweilen. „Wir wollen niemandem etwas aufdrängen“, sagt Andrea Schulze. „Man muss ein Gespür dafür entwickeln, ob jemand reden oder lieber einfach still in der Kapelle sitzen möchte. Dann wünschen wir eben nur eine gute Reise. Es wird nichts erzwungen.“
Wer anhält, kommt aus ganz unterschiedlichen Gründen. Familien unterwegs zur Nordsee. Motorradfahrer. Alleinreisende. Menschen auf dem Weg in den Urlaub – oder zu einem Abschied. Manche kommen jedes Jahr. Davon erzählt auch das Fürbittbuch, das dauerhaft in der kleinen Kapelle ausliegt. Zwischen Gebeten und Dankesworten finden sich Einträge aus aller Welt. „Lieber Gott, seit 30 Jahren komme ich her. Ich danke dir, dass Du auf meine Familie und Freunde aufpasst. Amen.“ Daneben schreibt jemand aus den USA: „What a beautiful surprise on our stop.“ Und eine Familie notiert: „Auf dem Weg nach Sylt eine kleine besinnliche Zeit in der Kapelle. Wir beten für eine gute Fahrt und eine glückliche Zeit im Urlaub.“
Für Reinhold Leydecker ist all das der Grund, warum er sich engagiert. „Es ist immer wieder eine Überraschung, wie aus zufälligen Begegnungen richtig gute Gespräche entstehen“, sagt er. Dabei gehe es weniger um Worte als um eine Haltung. „Ich gehe davon aus, dass alle Menschen Kinder Gottes sind“, sagt Leydecker. „Das muss ich ihnen nicht unbedingt sagen. Aber ich möchte ihnen so begegnen – wertschätzend und offen.“


