Die traditionsreiche Große Prozession begann mit einem Stationsgottesdienst in der Stadt- und Marktkirche St. Lamberti. Danach zogen die Gläubigen – darunter neben dem Domkapitel Vertreter der Stadt und des Rates, der Behörden, der Studentenverbindungen, der Gemeinden anderer Sprachen und Riten sowie der Ordens- und Glaubensgemeinschaften – über die Salzstraße, Klosterstraße, Verspoel, Ludgeristraße und Prinzipalmarkt zum Dom.
Dort erinnerte Bischof Wilmer in seiner Predigt daran, dass die Große Prozession seit 1382 Ausdruck des Vertrauens auf Gott sei. Damals seien die Menschen nach Pest und verheerendem Stadtbrand nicht vor den Herausforderungen ihrer Zeit geflohen, sondern gemeinsam auf die Straßen gegangen – im Gebet, in der Bitte um Gottes Beistand und im Bewusstsein, dass Menschen aufeinander und auf Gott angewiesen seien. „Die Gläubigen hier sind rausgegangen auf die Straße, in die Welt hinein – mit Gott“, sagte der Bischof. Damals wie heute gelte: „Wir kommen nur durch, wenn wir als Trostgemeinschaft zusammenhalten.“
Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen nannte der Bischof den Wunsch nach Frieden, die zunehmende Erschöpfung vieler Menschen und die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz als große Herausforderungen. Technischer Fortschritt biete große Chancen, etwa in der Medizin oder der Kommunikation. Zugleich dürfe der Mensch niemals auf einen Datensatz oder einen Algorithmus reduziert werden. „Der Mensch ist mehr als ein Datensatz“, betonte Wilmer. Entscheidungen über Leben und Tod sowie ethische Fragen müssten immer vom Menschen verantwortet werden. Deshalb brauche es „nicht nur ein Invest in noch mehr Algorithmen, sondern ein Invest in noch mehr Urteilsfähigkeit und Gewissenskraft als Menschen“.
Wilmer nahm Bezug auf die jüngste Enzyklika von Papst Leo XIV. „Magnifica humanitas“ und betonte, dass nicht die Technik, sondern die Würde des Menschen Maßstab allen Handelns bleiben müsse. Künstliche Intelligenz könne vieles leisten, sagte Wilmer, „aber sie kennt keinen Schmerz. Sie kennt keine Empathie.“ Das Evangelium lade dagegen alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Leistung oder Lebenssituation – ein, bei Christus Ruhe und Orientierung zu finden. Am Ende stehe die Zusage Gottes an jeden Menschen: „Großartig, dass es dich gibt. Du bist Tochter Gottes. Du bist Sohn Gottes.“
Neben Bischof Wilmer standen als Konzelebranten am Altar Weihbischof Dr. Stefan Zekorn, Stadtdechant Ulrich Messing, Dompropst Hans-Bernd Köppen sowie Pater Biju Joseph, Seelsorger der italienischen Gemeinde. Letztere hatte den Gottesdienst mitgestaltet. Die musikalische Gestaltung übernahmen der Projektchor des Stadtdekanats und das Bläserensemble blechgewand(t) und der Leitung von Regionalkantorin Jutta Bitsch sowie Domorganist Thomas Schmitz.
Die Große Prozession zieht jeden ersten Sonntag im Juli durch die Straßen Münsters. Sie geht zurück auf das Jahr 1382, als mehr als 8.000 Menschen an der Pest starben und im folgenden Jahr ein Großbrand 400 Wohnhäuser der Stadt zerstörte. Bürgerschaft und Geistlichkeit fassten Ende des 14. Jahrhunderts den Entschluss, eine Buß- und Bittprozession zu halten. Damit sollte Gott um Schutz vor Unglück gebeten werden. Eine Nachbildung des historischen Pestkreuzes, dessen Original im Stephanschor des Doms hängt, wird der Prozession vorangetragen.
Ann-Christin Ladermann























