Im vollbesetzten Festzelt im Schatten der St.-Sixtus-Kirche diskutierte Lienen am 17. September im Rahmen der ökumenischen Glaubenswoche „Gegen den Strom“ über Werte, Verantwortung und die Frage, was Sport Kindern und Jugendlichen mitgeben kann. Eingeladen hatten die katholische und die evangelische Kirchengemeinde gemeinsam mit dem Stadtsportverband Haltern am See und der Initiative „Respekt. Tut gut.“.
Rund um den Fußball, sagte Lienen, lasse sich besonders gut beobachten, wie Menschen miteinander umgehen. „Wir wollen alle respektiert werden“, erklärte der 72-Jährige. Die entscheidende Frage sei aber: „Sind auch alle bereit und in der Lage, diesen Respekt selbst an den Tag zu legen?“ Respekt sei für ihn ein Oberbegriff für eine Reihe von Lebensprinzipien: Menschenwürde, Vertrauen, Dankbarkeit, Demut, Toleranz und Fairness.
Gerade der Sportverein könne dabei ein wichtiger Lernort sein. Kinder und Jugendliche lernten dort, Regeln einzuhalten, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen und Teil einer Gruppe zu sein. Lienen sieht darin eine große Chance für Persönlichkeitsentwicklung und Charakterbildung. Nachwuchsleistungszentren müssten deshalb mehr vermitteln als die Hoffnung auf eine Profikarriere: „Es ist durchaus möglich, ein erfülltes, glückliches, sozialverträgliches und gemeinwohlorientiertes Leben zu führen, auch wenn man nicht Bundesliga-Profi ist.“
Wie sich Respekt im Sport konkret leben lässt, wurde anschließend auch im Gespräch mit der paralympische Schwimmerin Vera Thamm, dem Handball-Schiedsrichter Jonas Bankwitz, Diakonin Lena Schäfer und dem Stadtsportverbandsvorsitzenden Josef Teltrop deutlich. Moderiert von WDR-Journalist Daniel Winkelkotte berichtete Teltrop vom Schutzkonzept seines Vereins, das unter anderem sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt sowie Diskriminierung in den Blick nimmt. Lienen betonte allerdings: Konzepte allein reichten nicht. Entscheidend sei, dass sie im Vereinsalltag gelebt würden. Dafür brauche es gut ausgebildete Menschen, die Kinder und Jugendliche begleiten.
Die paralympische Schwimmerin Vera Thamm berichtete von ihren Erfahrungen im internationalen Sport. Gerade im paralympischen Dorf habe sie erlebt, wie bereichernd der Austausch mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen sein könne. Voraussetzung dafür sei allerdings eine respektvolle Basis. In Haltern habe sie diese Unterstützung erfahren – unter anderem von ihrer Schule, die sie für das Training freigestellt habe.
Auch die Haltener Initiative „Respekt. Tut gut.“ setzt genau dort an. Beim Fairplay-Cup der Stadtjugendmeisterschaften wurden Mannschaften nicht allein nach sportlichen Ergebnissen bewertet, sondern auch danach, wie fair und respektvoll sie sich auf und neben dem Platz verhielten.
Für Ewald Lienen liegt darin die besondere Stärke des Sports: Er biete Kindern und Jugendlichen einen Ort, an dem sie nicht nur ihre Fähigkeiten entwickeln, sondern auch lernen können, Verantwortung zu übernehmen, mit anderen umzugehen und ihren Platz in einer Gemeinschaft zu finden. Dafür brauche es Menschen, die sie begleiten und Werte nicht nur vermitteln, sondern selbst vorleben. „Da passiert das wirkliche Leben“, sagte Lienen über den Sportverein. Und genau dort könne Respekt jeden Tag neu eingeübt werden.
Ann-Christin Ladermann





