
Fabian Löckener
© PrivatDie Gleichzeitigkeit von manchen Ereignissen kann einen schon staunen lassen.
Vor einigen Wochen habe ich die neue DBK-Arbeitshilfe zum Ehrenamt (Engagement als Zukunftskraft für Kirche und Gesellschaft) gelesen. Noch in der Einleitung lese ich: „Sie [die vielen Christinnen und Christen, die sich in der Gesellschaft engagieren] sind es, die mit vielen anderen Engagierten Demokratie und Resilienz in der Zivilgesellschaft stärken.“ Gleichzeitig höre ich aus meinem Radio die Meldung „Politisch motivierte Kriminalität auf dem Höchststand“. Ich höre mich halb scherzhaft selbst im Kopf sagen: „Dann sollten sich die Menschen wohl mehr engagieren.“ Ich schaue an die Zimmerdecke und merke: Da ist nicht so viel Scherz drin, wie ich dachte.
Denn ich muss an die diesjährige Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbands denken. In diesem Jahr lautet sie „Zusammen geht was – Caritas verbindet Generationen“. Dieses Leitwort haben auch das Bistum Münster und der Diözesancaritasverband als Kampagnenthema 2026/2027 übernommen.
Ein Motto, das natürlich großartig zu meinen Tätigkeiten im Bereich youngcaritas passt. Genau deshalb habe ich zusammen mit vielen Kolleg*innen und auch Ehrenamtlichen in Steinfurt und Umgebung Aktionen durchgeführt, bei denen verschiedene Generationen zusammenkommen und vor allem die Jugend sich engagiert: Jugendliche sind mit Senior*innen auf die Kirmes gegangen. In einem Podcast haben sich Jugendliche und Bewohner*innen eines Seniorenzentrums über ihre Glaubenserfahrungen ausgetauscht. Es wurden Filmnachmittage organisiert und in Generationencafés hat man sich über Früher und Heute unterhalten. Am Ende der Aktionen habe ich die Jugendlichen gebeten ihre größte Erkenntnis aus der Aktion als Botschaft für alle mit Malkreide auf die Straßen und Wege zu schreiben. Da stand nachher „Trau dich zu helfen!“, „Man sollte sich mehr umeinander kümmern.“, „Bring Oma und Opa öfter zum Lachen!“ oder auch „Probier was Neues aus!“.
Das hat mir gezeigt: Hier haben Menschen ihre eigentliche Komfortzone verlassen etwas Neues gewagt und positive Erfahrungen gemacht. Sie sind auf Menschen zugegangen, mit denen sie sonst nicht so viel Zeit verbracht hätten, haben erfahren, dass da hinter dem eigenen Horizont noch mehr ist.
Heute begegnen wir primär den Menschen, die ähnlich denken wie wir. Welchen Effekt mag es wohl haben, wenn wir alle uns ein wenig mehr aus unseren Meinungsblasen herausbewegen? Welche Effekte können generationenübergreifende Begegnungen für uns alle haben?
Ich habe bei mir selbst festgestellt: Ich bin interessierter, höre den Menschen deutlich mehr zu und kann andere Sichtweisen und Interessen eher nachvollziehen als vorher. Im Evangelium lesen wir von einem Jesus, der das eigentlich ständig macht. Er sucht mit allen immer wieder die Begegnung und das Gespräch. Begegnung ist für ihn kein Risiko, sondern immer Chance.
Natürlich wünsche ich mir, dass wir gesamtgesellschaftlich mehr Begegnungen schaffen. Dann sind die Gleichzeitigkeiten zukünftig vielleicht auch andere: Ich lese von der Bedeutung und dem Einfluss des Ehrenamts und höre gleichzeitig: „Gesellschaftlicher Zusammenhalt so groß wie nie zuvor.“ Demokratie wird nicht exklusiv in Parlamenten oder durch die Exekutive verteidigt. Das geschieht auch dort, wo Menschen einander zuhören, obwohl sie vielleicht unterschiedlicher Meinung sind. Jede Begegnung hat das Potential Demokratie und Resilienz in der Zivilgesellschaft zu stärken.
