Fachleute beleuchten Aspekte von Sterbebegleitung
Der Tod gehört zum Leben. Wie der Übergang dahin, das Sterben, begleitet oder gestaltet werden darf und soll, darüber läuft derzeit eine gesamtgesellschaftliche Diskussion.
Diese greift am Freitagabend (7. November 2014) eine Veranstaltung der katholischen Akademie Franz-Hitze-Haus auf. Unter dem Titel "Halt mich – aber lass mich!" geht es im Rahmen der elften Novemberlesung um ethische Herausforderungen in der Hospizarbeit.
Gestalten werden den Abend Prof. Dr. Verena Begemann, Diplom-Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin von der Hochschule Hannover, und Prof. Dr. Dr. Antonio Autiero, emeritierter Professor für Moraltheologie an der Universität Münster. Beide werden sich in einem Dialogvortrag mit dem Thema auseinandersetzen – und vertreten vorab klare Positionen.
Das gilt auch für die gesellschaftliche Debatte: Autiero ruft zu einer differenzierten Diskussion auf. Eine mögliche Änderung der Gesetze sei "Symptom und nicht Ursache einer veränderten Sensibilität in der Bevölkerung." Er fordert: "Die Wahrnehmung der Dramatik, die oft mit Schmerzen, Einsamkeit und Verzweiflung das Lebensende begleitet, soll ernst genommen werden und Inspirationsquelle sein für Maßnahmen dagegen." So müssten Strukturen wie Hospize und Langzeitig-Pflegeheime ausgebaut sowie "Palliativmedizin, Schmerztherapie und eine der eigenen Grenzen bewusste Intensivmedizin noch mehr als würdiges und zentrales Anliegen ärztlichen Tuns anerkannt, unterstützt und etabliert werden."
Nicht gesetzlich ahnden möchte Autiero die Entscheidung Betroffener, ihr Leben bei unheilbarer Krankheit zu beenden. Ihm ist aber wichtig, "dass solche – hoffentlich nur als Extremfall vorkommende – Situationen immer mit einem leidensvollen Scheitern der Gesellschaft, der Medizin und – wo vorhanden – der Familie verbunden sind, die vielleicht mehr hätten machen sollen, um die Dramatik der Endphase mit Humanität und Nähe zu kompensieren."
Auch Begemann betont: "Eine Debatte um aktive Sterbehilfe darf nicht ohne die Debatte um aktive Fürsorgeethik geführt werden." Sie stimme der Ende September geäußerten Position der Deutschen Bischofskonferenz zu. Demnach berge die Einstufung der persönlichen Autonomie als allgemeingültig die Gefahr, "die fürsorgliche Begleitung Sterbender und den Schutz der Würde der Schwächsten zu vernachlässigen." Aus persönlicher Sicht erklärt Begemann: "Für mich als Christin ist das Leben ein Geschenk Gottes, und ich hoffe, dass ich die Kraft habe, es auch in schwersten Stunden nicht selbst zu beenden oder andere darum zu bitten.".
Einig sind sich beide Fachleute, dass menschenwürdige Sterbebegleitung gesellschaftliche Änderungen voraussetzt. "So lange wir glauben, dass erst mit 60 oder 70 die zweite Lebenshälfte beginnt, bereiten wir uns nicht angemessen auf Alter und Sterben vor", verdeutlicht Begemann, "es gilt, die Frage nach dem Lebenssinn wieder in die Mitte des Lebens zu holen." Sie fordert einen Ausbau der Hospiz- und Palliativkultur in Alten- und Pflegeheimen sowie mehr Investitionen in die Vermittlung von Fachwissen. Bezüglich der Entstehung neuer Hospize mahnt die Expertin zur Vorsicht, um das Sterben nicht in Tabuzonen zu verbannen.
Autiero hält gesellschaftlich eine Erziehung für nötig, "mit Lebensphasen positiv umgehen zu können – wohl in der Akzeptanz, dass nicht nur das Tun und das Haben wichtig sind, sondern auch, in Frieden mit sich und im Einklang mit seiner eigenen Endlichkeit zu leben." Der Tod solle "als Bestandteil der Existenz und nicht nur als schicksalhaftere Niederlage oder spektakulärer Inszenierungen genommen werden." Ergänzend müssten Orte gefunden werden, die es ermöglichen, Sterben freundlich zu gestalten. "Dies erfolgt über ,Begleitung’ und nicht über ,Verwaltung’", betont Autiero, "Menschen in der Endphase sind nicht lästige – weil Kosten verursachende – Gegenstände oder Objekte, sondern Subjekte in verletzlichem Zustand." Als solche verlangten sie mehr als andere Fürsorge, Aufmerksamkeit, Zuwendung.
Worte der Anerkennung finden beide Fachleute für die rund 80.000 Menschen, die sich nach Begemanns Angaben bundesweit in der Hospizbewegung engagieren. Offenheit sei dafür Voraussetzung: "Einlassen, zulassen und aushalten sind wesentliche Schlüsselkompetenzen", sagt Begemann. Sterbebegleiterinnen und -begleiter erführen hautnah, dass das präsente Dasein eine Lebensqualität sei, die dem Zeitgeist widerspreche. "Wir sind alle in einer schnellen, aktiven und leistungsbereiten Gesellschaft verwurzelt", erklärt die Fachfrau, "in Stunden der Begleitung, in denen wir auch schweigen lernen, brauchen wir eher unsere langsamen, achtsamen Dimensionen." Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit sei wichtig, ebenso das Aushalten der eigenen Machtlosigkeit angesichts des Sterbens.
Aus Autieros Sicht braucht Sterbebegleitung Unterstützung und Hilfestellung, um eigene Intentionen und Absichten zu hinterfragen: Denn es solle nicht "der eigene Helfen-Zwang, sondern der Bedarf des Notleidenden im Mittelpunkt stehen." Der kritische Umgang mit dem Helfer-Syndrom eröffne Räume zur Kompetenzvermittlung auch für Institutionen wie etwa Hospiz-Stiftungen. Insgesamt betont der Wissenschaftler: "Ehrenamtliche Begleitung von Sterbenden und Schwerstkranken ist eine Fundgrube an Menschlichkeit, die uns allen gut tut."
Text: Bischöfliche Pressestelle
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