Felix Elbers: Freigeben

, Bistum Münster

Themen gibt es viele, Meinungen noch mehr. Nicht immer werden sie sachlich vorgebracht und ausgetauscht. Und viel zu oft bestimmen Empörung, Negativität, Ich-Bezogenheit und gegenseitige Attacken die Diskussionen. „Die Montagsmeinung“, das Meinungsformat des Bistums Münster, soll hier ein anderes Zeichen setzen. Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kirche, die sich dem Bistum verbunden fühlen, setzen sich darin mit Themen auseinander, die für sie und andere relevant und aktuell sind. Die Autorinnen und Autoren lassen es aber nicht bei Klagen und Kritik. Sie haben vielmehr konstruktive Ideen und Lösungsansätze. Diese teilen sie mit uns an dieser Stelle alle 14 Tage montags.

Zum Beginn der Sommerferien in Nordrhein-Westfalen hat Felix Elbers die Montagsmeinung geschrieben. Der Theologe ist Leiter des katholischen Kreisbildungswerks (KBW) im Kreis Steinfurt. 

Felix Elbers

© Bistum Münster

Wann wurde mir das letzte Mal freigegeben? 

Das Wort wirkt zunächst unscheinbar. Und doch steckt darin eine interessante Erfahrung. Im Sommer sprechen wir von Ferien und Urlaub oft, als wären es Synonyme. Aber eigentlich erzählen sie von zwei verschiedenen Wirklichkeiten. 

Ferien bekommt man. Urlaub nimmt man sich. 

Als Kind wurden mir die Sommerferien geschenkt. Sechs Wochen lang war der Alltag unterbrochen. Die Schule schloss ihre Türen, die Verpflichtungen traten zurück, und vor mir lag eine Zeit, die niemand rechtfertigen musste. Mir wurde freigegeben. Nicht, weil ich etwas geleistet hatte. Nicht, weil ich es beantragt hatte. Es war einfach da. 

Heute ist das anders. Als Erwachsener nehme ich mir Urlaub. Ich plane ihn, beantrage ihn, trage Verantwortung dafür. Freiheit erscheint nicht mehr als Geschenk, sondern als etwas, das organisiert werden muss. Zeit wird zu einer Ressource, mit der ich sorgfältig umgehe. 

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschäftigt mich dieser Unterschied zwischen Geben und Nehmen. 

Denn Erwachsene verbringen viel Zeit damit, etwas zu nehmen: Zeit für die Familie, Zeit für Freunde, Zeit für Erholung. Wir müssen Prioritäten setzen, Grenzen ziehen und uns Freiräume aktiv sichern. Das ist notwendig. Aber vielleicht ist das noch nicht alles. 

Vielleicht besteht eine der Aufgaben des Erwachsenseins darin, sich selbst freizugeben. Nicht nur, sich Zeit zu nehmen, sondern sich selbst etwas zu geben. 

Der Sommer erinnert mich daran. Mit seinen langen Tagen, den Abenden draußen und den Erinnerungen an frühere Sommer. An Ferienfreizeiten, Urlaube, Abenteuer und das Gefühl, dass Leben nicht nur aus Aufgaben besteht. Der Sommer weckt die Sehnsucht nach Weite. Nach Räumen, in denen nicht alles schon festgelegt ist. 

Doch wer schafft diese Räume heute? Wer gibt mir frei? 

Die Antwort kann kaum bei anderen liegen. Familie, Beruf und Freundschaften stellen berechtigte Ansprüche. Verpflichtungen verschwinden nicht einfach. Und dennoch bleibt die Verantwortung, mit dem eigenen Leben sorgsam umzugehen. Vielleicht bedeutet Selbstverantwortung deshalb mehr als Pflichterfüllung. Sie bedeutet auch, sich selbst nicht zu vergessen. 

Freigabe ist dann mehr als die Entlassung aus einer Aufgabe. Sie ist die bewusste Öffnung eines Raumes. Ein Raum, in dem Neues entstehen darf. Ein Raum zum Durchatmen, Nachdenken, Wachsen. Ein Raum, in dem ich nicht nur funktioniere, sondern werde. 

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst des Sommers: nicht nur Urlaub zu machen, sondern sich selbst freizugeben. Sich Zeit zu schenken, ohne sie verdienen zu müssen. Sich Aufmerksamkeit zu geben, ohne zuvor einen Mangel nachweisen zu müssen. 

Denn das meiste im Leben wächst nicht durch Druck, sondern durch Freiraum. 

Und vielleicht brauchen wir alle, gerade als Erwachsene, immer wieder Menschen und Momente, die uns daran erinnern. 

Guten Sommer. Und gutes Werden. 

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