Führung durch den Paulusdom für sehbehinderte und blinde Menschen
Ein maschinenartiges, tiefes Brummen durchbricht die lebhafte Atmosphäre in Münsters St.-Paulus-Dom, verdrängt das Gemurmel der umherlaufenden Besuchergruppen und vermischt sich mit der geschäftigen Geräuschkulisse des Wochenmarktes, die durch den Eingang in direkter Nähe zur Domorgel für einen Moment hereinschallt.
Es ist der tiefste Ton des ‚Untersatz 32 Fuß‘, jener Pfeife mit einer Länge von über zehn Metern, die Organistin Christiane Alt-Epping in diesem Moment zum Klingen bringt.
Es ist keine gewöhnliche Führung durch den St.-Paulus-Dom, die an diesem Samstagmittag stattfindet: Die Teilnehmer sind allesamt sehbehindert oder blind.
Ihnen ist die Verwunderung über den nicht alltäglichen Höreindruck anzumerken. Zuhörer und Begleiter haben auf den Kirchenbänken am Fuße der Orgel Platz genommen und lauschen gespannt den Ausführungen zum Instrument, die immer wieder durch Klangbeispiele der verschiedenartigen Stimmen, der ‚Register‘, unterbrochen werden. Flöten winden sich elegant in der imposanten Akustik der romanischen Gewölbe, bevor ein Kuckucksruf die überraschten Teilnehmer schmunzeln lässt. Zuvor sind sie mit einem drahtlosen ‚Audioguide-System‘ ausgestattet worden, das jedem die Erklärungen der Organistin direkt ins Ohr sendet.
"Wieviel müsste ich denn für so eine Orgel hinblättern?", fragt ein Mann amüsiert, dem die körperlich wahrnehmbaren Klangteppiche in direkter Nähe zu dem Instrument merklich gefallen. Organistin Alt-Epping schätzt, dass aufgrund der vielen handwerklichen Arbeit am Instrument wohl ein ganzes Haus als Gegenwert realistisch sei. "Die Orgel hat über 8.000 Pfeifen. Manche von ihnen sind so klein, dass sie kaum noch hörbar sind", lässt Alt-Epping die Teilnehmer wissen. Anschließend untermauert sie ihre Ausführungen, indem sie genau jene kleinsten Stimmen zum Klingen bringt, bevor sie mit einer Strophe von ‚Großer Gott wir loben dich‘ abschließt.
Überhaupt hat das Fühlen und Hören bei diesem speziell auf Menschen mit Sehbehinderungen zugeschnittenen Angebot einen hohen Stellenwert. "Wir haben von der Domverwaltung die Erlaubnis, dass die Teilnehmer auch einige Bronzeplastiken, wie zum Beispiel den Kreuzweg, berühren dürfen", sagt Domführerin Hildegard Sträter, als die Gruppe von der Orgel zu den Galenschen Kapellen im Chorumlauf aufbricht.
Beim Stopp an der Astronomischen Uhr erschallen Pfeifsignale und Glockenschläge. "Tutemann kündigt die Zeit an, und seine Frau bekräftigt", bemerkt Sträter durch ihr Mikrofon. Am Bildnis Kardinal von Galens setzt sie ihre Ausführungen fort und lädt die sehbeeinträchtigten Führungsteilnehmer ein, auf Tuchfühlung mit den Kunstwerken zu gehen.
Eine Frau lässt ihre Hand über die zweite Station des Kreuzweges fahren. "Ist das Jesus?", fragt sie bei ihren Begleiter, der bejahend zustimmt. Die Frau hat die Skulptur nur durch Tasten erkannt. Eine andere Teilnehmern tritt dem ‚Löwen von Münster‘ gegenüber und berührt an der Kopfplastik des Seligen dessen ‚Mitra‘, jene Kopfbedeckung, die in der Kirche von Bischöfen getragen wird. "Das Metall hat eine schöne Oberfläche", merkt sie an.
Die Gruppe verlässt den Innenraum und bewegt sich durch den Kreuzgang in Richtung Domkammer. Dort ist ein Tisch aufgebaut, auf dem die Teilnehmer hölzerne Modelle und den Grundriss der gesamten Anlage näher kennenlernen können. So bekommen sie einen Eindruck, welche baulichen Besonderheiten mit dem romanischen Kleinod in Verbindung stehen. "Die Baumeister haben damals Außergewöhnliches geleistet", ergänzt Domführerin Hildegard Sträter die ertasteten Erfahrungen. Dies wird am zweiten Tisch konkret: Dort liegen verschiedene Steinarten, Werkzeuge und Metalle parat, die beim Bau des Domes verwendet wurden.
Nach einer Exkursion ins ‚Paradies‘, die imposante Vorhalle, kommt die Gruppe wieder vor der Orgel an, wo die Führung für Menschen mit Sehbehinderungen endet. Christiane Bernshausen aus Dülmen zeigt sich beeindruckt. Sie ist eine der Teilnehmerinnen der Selbsthilfevereinigung PRO RETINA Deutschland e.V., die zum wiederholten Male zu der besonderen Veranstaltung eingeladen hat. "Die Führungen finden bereits seit dem Domjubiläum letztes Jahr statt und werden sehr gut angenommen", blickt Bernshausen zurück. Die Teilnehmer schätzten neben den erweiterten Möglichkeiten für Tasten und Hören auch die anschauliche Sprache, mit der Domführerin Hildegard Sträter durch die Kathedrale begleitet, erläutert Bernshausen weiter. So bestätigt es auch eine andere Frau aus der Gruppe: "Die Mischung macht´s, dass der Dom richtig erfahrbar wird."
Text: Bischöfliche Pressestelle
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