Genn besucht Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung
"Jetzt ganz langsam aufwärts, nun zur Seite und dann runter - vorsichtig ablassen" - alle hören auf den 15jährigen Noah.
An einem Metallbügel hängend schwebt ein Holzklötzchen im Format einer Puderzuckerschachtel auf einen Turm, der bereits aus vier solcher Klötzchen besteht. Die Elemente sind beschriftet, auf den Schildern steht ‚Vertrauen‘, ‚Zuhören‘, ‚Rücksicht‘ oder ‚Toleranz‘. Knapp ein Dutzend Schüler und Münsters Bischof Dr. Felix Genn stehen im Kreis, hatten sich zunächst auf die Stapelreihenfolge geeinigt und manövrieren nun gemeinsam den an langen Schnüren hängenden Transportbügel, um das ‚Toleranz‘-Klötzchen als letztes zuoberst zu platzieren. "Geschafft! So hoch kommen wir sonst selten", lobt Sozialpädagogin Salome Wellenbrock.
Bischof Genn war am 15. April zu Besuch in der Josefsschule, einer Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung in Trägerschaft einer kirchlichen Stiftung in Wettringen im Kreis Steinfurt. Mit Noahs Klasse besuchte er eine Projekt-Klasse, in der Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten gestärkt und Erfolgserlebnisse vermittelt werden. Ziel dieser Werkstattklassen ist es, Jugendliche, die nicht beschulbar waren, nach und nach wieder in einen Unterricht zu integrieren.
Zuvor hatten zwei Schüler, Maaike Döbber (16) und Fabian Schmidt (15), dem Bischof das Außengelände der Josefsschule gezeigt, 500.000 Quadratmeter oder rund 70 Fußballfelder groß.
Dutzende von Gebäuden, große Sportanlagen, weitläufige Wiesen und Waldstücke, ein kleiner See – viel Raum für Unterricht, Bewegung und Naturerfahrung: "Hier kann man sich auch mal richtig gut austoben", sagte Fabian. Der Bischof kam während der Besichtigungsfahrt in einer Kutsche bei schönstem Sonnenschein kaum aus dem Staunen heraus: "Meine Güte, das ist ja wie ein Park hier". Insgesamt elf Pferde hat die Josefsschule, bietet Voltigier- und Reitunterricht, aber auch Heilpädagogisches Reiten.
"Pferde können gut zuhören", erklärte Maaike dem Bischof, als sie ihm Nino und Max vorstellt, die zwei vor der Kutsche eingespannten Hengste. Maaike und Fabian erzählen dem Bischof von Musik- und Werkunterricht, von Kunstprojekten im Freien, von Motocross und Mountain-Bike-AGs, vom Schlittschuhlaufen auf den im Winter dafür freigegebenen, zugefrorenen Gräften.
Begrüßt worden war der Bischof von Rektor Rainer Blenkers, von dessen Vorgänger Werner Fritzler und von Winfried Hülsbusch, dem Geschäftsführer der Caritas-Kinderheim-Gesellschaft und damit auch der Trägerstiftung. Die drei hatten dem Bischof die aktuelle Lage der Schule verdeutlicht, die vor allem wegen der politischen Inklusionsvorgabe unter erheblichem Anpassungsdruck stehe. Die Schulvertreter sprachen von maroden Gebäuden und klammen Kassen, aber auch von Investitionen zur Ertüchtigung des Standortes, die nicht zuletzt wegen der Bistumsbeteiligung möglich geworden seien. Sie erklärten dem Bischof, welche Herausforderungen die pädagogische Arbeit mit nicht beschulbaren Jugendlichen mit sich bringe. Der Bischof hörte von Schülern mit "super hohem Gewaltpotenzial", von Unterricht, in dem Störungen immer Vorrang haben und von Lehrern, die neben der Fachlichkeit auch Mut, Selbstverteidigungsfertigkeiten und eine ausgeprägte Persönlichkeit mitbringen müssten.
Das abschließende Gespräch im Lehrerkollegium nutzte Bischof Genn zunächst für Worte des Dankes: "Was Sie hier tun, kann gar nicht hoch genug wert geschätzt werden", sagte ein sichtlich bewegter Bischof, "was da von Ihnen an emotionaler Kraft, an Nerven, an Geduld eingesetzt wird, davor kann ich nur den Hut ziehen".
Mit Blick auf die politische Vorgabe, die der Josefsschule aktuell zusetzt, äußerte sich Genn differenziert. "Natürlich bin ich für Inklusion", sagte der Bischof, "im Bereich emotionaler und sozialer Förderung sehe ich aber Grenzen und frage, wie das an Regelschulen geleistet werden kann". In dieser Skepsis wurde Genn unmittelbar bestärkt: "Unsere Schüler stoßen in Regelschulen auf miserable Bedingungen", nickt einer der Lehrer.
Der Ansatz und die Arbeit der Josefsschule entspreche "dem Geist, den wir als Kirche in unseren Schulen leben wollen", stellte der Bischof am Ende noch einmal heraus. Hier sei ein Ort, wo die Selbstverpflichtung der Kirche, an die Ränder der Gesellschaft gehen zu wollen, gelebt werde. Genn versicherte den Lehrern der Josefsschule, das Bistum wolle die Arbeit der Schule auch künftig erhalten sehen, weshalb es auch die Baumaßnahme unterstützt habe.
Die Visite von Bischof Genn in der Josefsschule in Wettringen war der dritte Schulbesuch im Rahmen einer Reihe, die noch bis ins nächste Jahr fortgesetzt wird. Hintergrund ist die im Pastoralplan der Diözese festgeschriebene Option für die Weitergabe des Glaubens. In den kirchlichen Schulen im Bistum kommen 38.000 Schüler mit den Grundbotschaften des Evangeliums in Berührung. Nächste Schulstation für Bischof Genn ist Ende April die Hauptschule "Wiesenstraße" in Marl.
Text: Bischöfliche Pressestelle
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