Gottesdienst mit Bischof Genn zu Silvester in Münsters Stadtkirche
Zu einem "Kampf für das Leben" hat der Bischof von Münster, Dr. Felix Genn, in seiner Predigt am Silvestermorgen in der Münsterschen Stadtkirche St. Lamberti aufgerufen:
"In der Frage um Sterbebegleitung, Sterbehilfe und assistierten Suizid geht es um das Menschsein als Ganzes, nicht einfach bloß um eine christliche Sondermoral", stellte der Bischof klar und bat die Gläubigen, "besonders auch in dieser Frage Zeuge für das Leben und für den Glauben" zu sein. Es reiche nicht, "bloß von der Würde des Menschen zu sprechen oder von seiner Gottebenbildlichkeit", betonte Bischof Genn, "wir müssen mit den Menschen ins Gespräch kommen, die diese christliche Glaubensgrundlage nicht mehr annehmen".
Befürworter der Beihilfe zur Selbsttötung führten als ein Hauptargument die Selbstbestimmung des Kranken an, schilderte der Bischof. Dazu gehöre die Auffassung, dass nur, wer auch über seinen Todeszeitpunkt selbst bestimmen könne, unabhängig sei und die dem Menschen angemessene Würde besitze. Diesem Ansatz widersprach Genn vehement: "Wir leben Zeit unseres Lebens nicht einfach allein aus eigener Kraft und in einer völligen Unabhängigkeit von anderen", führte der Bischof an, "aufeinander angewiesen zu sein, gehört zu unserem Menschsein". Menschen, die sich auf die Hilfe und die Liebe anderer wirklich verlassen könnten, bäten nahezu niemals um eine Hilfe zur Selbsttötung. "Unsere Aufgabe als Christen wird es sein, alles zu tun, damit wir eine gesellschaftliche Atmosphäre fördern, in der jeder und jede menschliche und medizinische Hilfen ohne Gewissensbisse in Anspruch zu nehmen fähig ist, auch wenn diese Hilfen kosten- bzw. zeitaufwändig sind", stellte Bischof Genn klar.
Mit Blick auf das Thema Beihilfe zur Selbsttötung durch Ärzte zitierte Genn den seligen Clemens August Kardinal von Galen, der während der Nazi-Diktatur an gleicher Stelle gepredigt hatte: "Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, so lange wir produktiv sind, so lange wir von anderen als produktiv anerkannt werden? Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher. Wer kann dann noch Vertrauen haben zu einem Arzt?" Deshalb müsse die Rolle des Arztes eindeutig bleiben, forderte Bischof Genn: "Jeder muss sich fest und ohne jeden Zweifel darauf verlassen können, dass der Arzt der Anwalt seines Lebens ist und nichts anderes".
Zudem stellte Genn klar, der Tod eines Menschen gehöre zum Leben, das Sterben sei "ein zutiefst menschlicher Wert, eine humane Größe, nicht einfach etwas Mechanisches", es sei "ein Verlöschen einer Kostbarkeit". Christen dürften davon sprechen, dass es ein Hinübergehen aus der sichtbaren in die Welt der Ewigkeit sei: "Wir lassen uns das Leben nur von einem nehmen: Von dem, der es uns geschenkt hat, ihm legen wir es im Tod in seine bergenden Hände", bekannte Bischof Genn.
Eingangs hatte der Bischof dazu aufgerufen, im Gebet für den Frieden nicht nachzulassen. Er erinnerte an die Kriege und an "das schwere Leid, das Menschen im Irak, in Syrien, in Palästina und Israel und in der Ukraine zugefügt wird". Mittel der Diplomatie griffen kaum noch, sagte Bischof Genn und kritisierte Präsident Putin: "Was will eine Weltgemeinschaft tun, wenn ein russischer Präsident die Annexion der Krim rechtfertigt, weil die Krim für Russland einen solch hohen Stellenwert habe, wie der Tempelberg in Jerusalem für Juden und Muslime?" Der Bischof beklagte zudem, "dass aus vermeintlich religiösen Gründen Glaubensbrüder und –schwestern und andere religiöse Minderheiten im Mittleren Osten verfolgt, geköpft, vergewaltigt, vertrieben werden". Auch wenn die Botschaft des Weltfriedenstages, der in der katholischen Kirche am 1. Januar 2015 mit dem Motto "Brüderlichkeit – Grundlage und Weg für den Frieden" begangen wird, sich gegenüber jener rohen Gewalt ohnmächtig und klein vorkomme, sei sie notwendiger denn je, stellte der Bischof klar. Zugleich bat Genn alle Christen darum, selbst den Frieden zu leben: "Die Bereitschaft, sich um der Versöhnung willen entwaffnen zu lassen, das ist die Hoffnung dessen gewesen, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern", erklärte Genn.
Im Rückblick auf das ablaufende Jahr 2014 äußerte sich Bischof Genn dankbar für den "enormen Einsatz" der Mitarbeiter bei der Vorbereitung und während der Tage des Domjubiläums. "Mit großer Freude" erinnerte Genn "an die Projekte, die im sozialen Bereich in den einzelnen Regionen initiiert wurden und zum Teil auch eigene Prämierungen erfahren haben". Sie stünden dafür, dass "selbstlose Liebe" auch "ungemein kreativ" sein könne. In dem Kontext stellte Genn auch die "beeindruckende Hilfsbereitschaft" im Nachgang des Hochwassers ins Münster heraus und nannte als weiteres Positivbeispiel für ein christliches Zeugnis in der Welt das Engagement von Ehrenamtlichen aus der Pfarrei St. Franziskus Münster für Asylbewerber und Flüchtlinge. Er vertraue darauf, sagte Genn am Ende, "dass auch das neue Jahr 2015 viele Möglichkeiten bereithält, diesem Zeugnis Gestalt zu geben".
Text: Bischöfliche Pressestelle
Kontakt: Pressestelle[at]bistum-muenster.de
Foto: Michael Bönte, Dialogverlag
