Herbst: Freiwilliges Jahr in Tansania

Manchmal ist die Rückkehr in das Bekannte eine genauso große Herausforderung wie zuvor der Aufbruch in das Unbekannte.

Diese Erfahrung hat jedenfalls Vincent Herbst gemacht, als er kürzlich nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) in Iringa im afrikanischen Tansania zurückkehrte nach Rees-Haldern. "Ich kam gut vorbereitet nach Tansania und fühlte mich offen für alle Erfahrungen", schildert er, "zurückzukehren, dachte ich, wird einfach, man kennt ja alles. Das war eine Fehleinschätzung." Eine Fehleinschätzung, die ihren Grund in zwölf Monaten voller völlig neuer Erfahrungen hat.

Dabei stellt Vincent klar: "Für mich gibt es höchstens kulturelle Unterschiede, aber keinen Unterschied zwischen den Menschen dort und hier, weil ich dort und hier gelebt habe." Gelebt hat er vor allem mit den Kindern an der St. Dominic Savio Primary School. Diese Schule bietet unter anderem Mädchen und Jungen, deren Eltern an AIDS verstorben sind, Unterricht, Ausbildung und ein familiäres Umfeld im angegliederten Waisenhaus "St. Monica’s House".

Vincent, der sein FSJ in Trägerschaft des Bistums Münster absolvierte, arbeitete dort als Sport- und Computerlehrer der ersten bis sechsten Klasse. "Dort habe ich mit meinem Mitfreiwilligen Simon und dem kenianischen Computerlehrer Chalz Grundlagen unterrichtet", berichtet er, "unser Schulalltag ging von Montag bis Donnerstag jeweils bis 15.30 Uhr, am Samstag hatten wir mittags den Footballclub." Nach dem Unterricht waren die Freiwilligen im "St. Monica’s House" willkommen, wo sie mit den Kindern zu Abend aßen, beteten, am Samstag Sport machten und am Sonntag den Gottesdienst besuchten.

In der Freizeit konnte der 20-Jährige, anders als befürchtet, sogar seinem Hobby Joggen nachgehen, obwohl das in Tansania eher unüblich ist. "Ich habe auch die tägliche Möglichkeit, Fußball spielen zu gehen, genutzt", erzählt er, "auch als Sportlehrer hatte ich recht viel Bewegung." Vermisst habe er allerdings die deutschen Rahmenbedingungen für Fußball: "Die nicht so guten Plätze und die andere Spielweise haben meine Motivation gebremst."

Vermisst hat Vincent zweitweise auch das deutsche Gesundheitssystem. "Als ich eine Wunde am Unterarm hatte, die genäht werden musste, wünschte ich mich in ein deutsches Krankenhaus", erzählt er, "denn dort fühlte ich mich einfach nicht gut versorgt."

Mit Blick auf die Lebensweise hingegen vermisst er durchaus die afrikanische. "Die Art, das Leben zu leben, ohne alles für die Zukunft zu planen, sondern statt dessen auf das Hier und Jetzt die Aufmerksamkeit zu richten, gefiel mir sehr", berichtet er. Der üblicherweise sehr ausführliche Ablauf einer Begrüßung zwischen zwei Menschen belege das: "Man sagt nicht nur (guten) Tag, sondern man fragt nach der Arbeit, nach dem Tag und vielem mehr."

Allerdings sei es trotz dieses gegenseitigen Interesses eine Herausforderung, intensive Freundschaften aufzubauen. "Mit einem Freund von mir aus Tansania tausche ich jetzt per Mail immer nur die Begrüßungsfloskeln aus und habe keine tiefer gehenden Gespräche", schildert Vincent und räumt zugleich ein: "Das liegt aber bestimmt auch an meinen Sprachkenntnissen." Die Nationalsprache Swahili ist die inoffizielle Amtssprache in Tansania.

Sprachkenntnisse sind indes nicht das einzige, was man in einem Auslandsjahr erwerben kann. "Jeder, der sich auf ein Auslandsjahr einlässt, nimmt etwas daraus mit, und jeder etwas anderes", findet Vincent. Interessierten rät er zu "Offenheit, dem Drang, etwas neues kennen zu lernen, und Eigeninitiative, da viele Freiwillige keine festen Aufgabenfelder haben und somit ihre Aufgaben selbst entwickeln müssen."

Wem das gelingt, den erwarten wertvolle Erfahrungen. So erlebte Vincent die Begegnung mit einem Kind, das ihn als "mzungu" ("Weißer" oder "Europäer") angeredet habe, was er mit "mwafrika" ("Afrikaner") beantwortet habe. Daraufhin habe ein Mann dem Kind gesagt, dass alle Menschen gleich seien. "Er ist Afrikaner, weil er jetzt gerade hier lebt", habe der Mann mit Blick auf Vincent erklärt. "Für mich waren solche kleinen Situationen, die einem das Gefühl gegeben haben, man ist Teil der Gesellschaft, die schönsten Erfahrungen", sagt Vincent. Leider sei die von dem Mann geäußerte Ansicht zwar nicht verbreitet, aber es sei "schön, solche Ansichten zu stärken oder Vorurteilen entgegen zu wirken." Deshalb sei es ihm wichtig gewesen, "mit den Kindern zu leben, also ständig vor Ort zu sein und somit zu zeigen, dass man, obwohl man woanders aufgewachsen ist, ein Mensch wie jeder andere ist."

Eine besondere Erfahrung war auch die Rückkehr. "Es war wie bei der Ankunft in Tansania: Alles war neu", schildert der Halderner, "am meisten fielen mir die perfekten Straßen, die Wasserflaschengrößen, die sterilen Toiletten und anderes auf, was in Deutschland völlig normal ist." Ähnliche Erfahrungen hätten auch die anderen Freiwilligen gemacht.

Auch in Deutschland hat Vincent freilich mit Tansania noch nicht abgeschlossen. "Ich würde mich freuen, weiter über das Bistum Kontakt zu den jetzigen Freiwilligen zu halten, und ich möchte unbedingt noch mal nach Tansania", sagt er. Denn obwohl er nun zunächst zum Studium der Umweltingenieurwissenschaften nach Aachen zieht, steht für ihn doch eines fest: "Durch das Jahr habe ich andere Lebensarten kennengelernt. Dadurch angestachelt, möchte ich erst mal nicht sesshaft werden."


Text: Bischöfliche Pressestelle
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