Inklusion für „Augemaß und Beharrlichkeit“

"Inklusion ist eine gesellschaftliche Aufgabe, der sich alle zu stellen haben.

Das Ziel als solches ist also unstreitig, für die Umsetzung gilt allerdings: Es zählt nicht nur der gute Wille, sondern es müssen angemessene Rahmenbedingungen gegeben sein, damit Inklusion in Gesellschaft und Schule gelingen kann."

Das hat das Bistum Münster am 18. Februar in einer Stellungnahme betont. Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen und Auseinandersetzungen in Nordrhein-Westfalen etwa zwischen kommunalen Schulträgern und dem Land wirbt der Leiter der Hauptabteilung "Schule und Erziehung" im Bistum Münster, Dr. William Middendorf, für "Augenmaß und Beharrlichkeit".

Die Stellungnahme des Bistums Münster geht auf die folgenden Punkte ein:

Welche Rahmenbedingungen benötigen inklusive Schulen?
Je inklusiver eine Schule unterrichtet, desto heterogener ist die Lerngruppe und desto differenzierter müssen die Lernarrangements für die Schülerinnen und Schüler sein, wenn der schulische Auftrag der individuellen Förderung ernst genommen wird.

Die Differenzierung des Lernangebots kann nur begrenzt durch so genannte Binnendifferenzierung im Unterricht stattfinden, bei besonders heterogenen Lerngruppen müssen diese auch mitunter unterteilt werden und je eigene Lernangebote erhalten. Dies erfordert einen zusätzlichen Lehrereinsatz und einen weitergehenden Raumbedarf. Eine inklusive Schule benötigt also zusätzliche räumliche und personelle Ressourcen.

Welche Anforderungen werden an die Lehrkräfte gestellt?
Lehrkräfte sind insbesondere in ihrer Haltung zum Anliegen der Inklusion und in ihrer didaktischen Professionalität gefordert. Bisherige didaktische Gewissheiten und Strategien müssen möglichst mit förderpädagogischen Notwendigkeiten in Übereinstimmung gebracht werden. Die verschiedenen Unterstützungsbedarfe der Schülerinnen und Schüler in einer inklusiven Schule erfordern den Einsatz nicht nur von Regellehrkräften, sondern auch von Förderschullehrkräften, Schulsozialarbeitern oder Therapeuten. Dieser Einsatz muss koordiniert werden und setzt die Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit aller voraus.

Welche Herausforderungen ergeben sich für die Lehrerbildung?
Im Bereich der Wissenschaft sind Schulpädagogik und Sonderpädagogik früher getrennte Disziplinen gewesen. Mit Blick auf eine inklusive Schule kann diese Trennung nicht mehr bestehen bleiben. Aber auch für die Wissenschaft gilt: Die Erkenntnisgewinnung benötigt Zeit. Wir haben keinen Mangel an gut gemeinten Absichten und normativen Orientierungen. Wohl fehlt es an unter Bedingungen des Schulalltags erprobten Modellen und Konzepten.

Wenn eine allgemeine Schule zur inklusiven Schule wird, wird sie zunächst eine lernende Schule sein. Und hier gilt: Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit, nicht alles ist sofort machbar.

Was ist seitens der Politik zu tun?
Die Politik hat sich in der programmatischen Aussage zur Inklusion deutlich und richtig positioniert, hat aber die enormen Herausforderungen bei der konkreten Umsetzung auf der operativen Ebene unterschätzt. Gut gemeint ist eben noch nicht gut gemacht. Die öffentliche Diskussion über das wichtige Anliegen der gesellschaftlichen Inklusion wird derzeit vorrangig in einem eher moralischen und appellativen Kontext, weniger aus der Perspektive der fachlichen Erfordernisse geführt. Dieser Mühe, das Anliegen auch im Zusammenhang mit fachlichen Anforderungen zu diskutieren und letztlich konkret umzusetzen, kann sich die Gesellschaft aber nicht entziehen, wenn das Anliegen gelingen soll.

Wie ist der Streit um die Kostenträgerschaft zwischen dem Land und den kommunalen Schulträgern zu beurteilen?
Die im Landesschulgesetz nunmehr geforderte inklusive Bildung erfordert entsprechende Rahmenbedingungen in räumlicher und personeller Hinsicht. Die kommunalen Schulträger, aber auch die freien Schulträger haben im Vorfeld der Schulrechtsänderung in ihren Stellungnahmen an die Landesregierung unmissverständlich auf die unerlässlichen Rahmenbedingungen für inklusive Schulen hingewiesen. Das Land hat diesen Bedarf in seiner Politik nicht beachtet und wird jetzt von den Realität eingeholt. Für viele kommunale Schulen, insbesondere aber für die Schulen freier Träger, fehlt es derzeit in vielerlei Hinsicht an Planungssicherheit.

Text: Bischöfliche Pressestelle
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