Jahreswallfahrt der Grafschaft Glatz
Vertreibung und Flucht aus der Heimat sind immer mit leidvollen Erfahrungen verbunden, die wiederum als mahnendes Zeichen dazu aufrufen, sich für Menschen in Notlagen und ein friedlicheres Miteinander einzusetzen.
Mit der 69. Jahreswallfahrt der Grafschaft Glatz, die am 28. und 29. August in Telgte stattgefunden hat, ging am Samstagvormittag ein Aufruf einher, der weit über die Stadtgrenzen des östlich von Münster gelegenen Marienwallfahrtsortes hinaus wies.
Über 800 Frauen und Männer, die 1946 als Folge des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimatregion im südlichen Schlesien vertrieben wurden, ihr aber verbunden blieben, nahmen daran teil. Aber auch viele jüngere Familienmitglieder der Vertriebenen gesellten sich zu den Pilgern zur Schmerzhaften Gottesmutter von Telgte. Dafür kamen sie vorwiegend aus dem nordwestdeutschen Raum zu dem zweitägigen Treffen, das am Freitagnachmittag mit einem Gottesdienst, einem Vortrag und einer Andacht mit anschließender Lichterprozession begann.
Beim Wallfahrtsgottesdienst am Samstagvormittag begrüßte der Telgter Wallfahrtsleiter Propst Dr. Michael Langenfeld die zahlreichen Teilnehmer. Sie wohnten der Feier nicht nur in der vollbesetzten St. Marien-Kirche nahe der Ems, sondern auch auf dem Platz vor der Gnadenkapelle bei. Langenfeld warb im Hinblick eines zunehmenden Rückzugs ins Private für mehr gesellschaftliches Engagement. `Das diesjährige Wallfahrtsmotto ,Habt vertrauen und fürchtet euch nicht!‘ soll uns ermutigen, in Kirche und Gesellschaft mitzuhelfen´, erklärte er.
Der ehemalige Visitator für die Grafschaft Glatz, Großdechant Franz Jung, dankte zunächst der Stadt Telgte für die nun schon fast 70 Jahre andauernde Gastfreundschaft. In seiner Predigt legte er den Gottesdienstteilnehmern nahe, durch ein persönliches Zeugnis daran zu erinnern, dass Vertreibung und Flucht heute wie vor fast 70 Jahren ebenfalls mit Unrecht verbunden seien. `Die Schicksale der Menschen, die fliehen vor Gewalt und Machtanspruch, lassen uns nicht los. Sie erinnern uns an unser eigenes Schicksal´, stellte Jung fest. Daher solle die ‚Erlebnisgeneration‘, die aus eigener Erfahrung die Situation von Flüchtlingen heute besonders gut nachfühlen könne, zu einer offeneren Atmosphäre gegenüber Notleidenden beitragen.
Musikalisch brachten in der Heiligen Messe neben Vertonungen von Michael Haydn Marienlieder aus der Grafschaft Glatz akustisch die Verbundenheit der Gottesdienstteilnehmer mit ihrer ehemaligen Heimat zum Ausdruck. Danach nutzten die Pilger beim Mittagessen in den Gaststätten rund um die St. Marien-Kirche und die Gnadenkapelle die Möglichkeit, ihre seit Jahrzehnten bestehenden Freundschaften und Kontakte zu pflegen. Eine Marienandacht rundete die Wallfahrt ab.
Text: Bischöfliches Generalvikariat
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