
Julia Fischer
© privatEs ist wieder da. Das Schönheitsideal, das Frauen beibringt, möglichst wenig Raum einzunehmen. Nicht einfach schlank oder sportlich. Sondern schmal, kontrolliert, diszipliniert.
Wer gerade durch Instagram oder TikTok scrollt, merkt schnell: Der Skinny-Trend ist zurück. Extrem dünne Körper werden wieder ästhetisiert, „What I eat in a day“-Videos feiern Kontrolle und Verzicht, und zwischen perfekt kuratierten Bildern liegt oft dieselbe Botschaft: Der weibliche Körper ist ein Projekt.
Dabei geht es nicht um dünne Körper an sich. Dünne Frauen sind nicht das Problem. Frauen schulden niemandem Rechtfertigungen für ihren Körper — egal ob dick, dünn, weich, muskulös oder irgendwo dazwischen. Problematisch wird es dort, wo ein bestimmter Körper plötzlich wieder als moralisches Ideal gilt. Als sichtbarer Beweis für Disziplin, Erfolg und gesellschaftlichen Wert.
Genau das passiert gerade.
Auf Social Media wird Dünnsein erneut romantisiert. Hunger erscheint wie Kontrolle, Kontrolle wie Stärke. Weibliche Körper werden wieder zu Dauerbaustellen, die permanent optimiert werden müssen. Es reicht längst nicht mehr, gesund zu sein oder sich wohlzufühlen. Frauen sollen makellos wirken, effizient, begehrenswert — und dabei am besten nie „zu viel“ sein: zu laut. Zu weich. Zu emotional. Zu sichtbar.
Mich beschäftigt deshalb weniger die Frage, wie Frauen aussehen. Mich beschäftigt die Frage, wie viel Energie Frauen verlieren, wenn sie ständig damit beschäftigt sind, ihren Körper zu beobachten, zu bewerten und zu kontrollieren.
Wie viel Kraft verschwindet in Kalorienrechnern, Spiegelblicken und Selbstzweifeln? Wie viel weibliche Energie geht verloren, weil Frauen früh lernen, sich selbst wie ein unfertiges Projekt zu betrachten?
Das Tragische daran ist nicht nur die gesundheitliche Gefahr. Nicht nur Essstörungen oder Selbsthass. Tragisch ist auch die gesellschaftliche Dimension: Wer permanent mit der Optimierung des eigenen Körpers beschäftigt ist, hat weniger Kraft für anderes. Weniger Kraft für Kreativität, Widerstand, politisches Denken oder Gestaltung.
Ein patriarchales System profitiert nicht von Frauen, die in ihrer ganzen Größe auftreten. Es profitiert von Frauen, die beschäftigt bleiben. Mit Diäten. Mit Scham. Mit dem Gefühl, nie ganz richtig zu sein. Dabei ist ein Körper kein Lebensprojekt. Er ist kein Bewerbungsschreiben an die Gesellschaft und kein moralischer Nachweis für Wert oder Disziplin. Wir sind nicht nur Körper. Wir sind Gedanken, Haltung, Humor, Widerspruch, Intelligenz, Fürsorge, Erschöpfung und Leidenschaft. Unser Körper gehört zu uns — aber er ist eben nur ein Teil von uns. Nicht die Summe unserer Existenz.
Wir brauchen deshalb dringend einen gesellschaftlichen Blick, der Frauen wieder als ganze Menschen sieht. Ich will eine Welt, in der Frauen ganz da sein dürfen. Mit allem.
