Julia Fischer: Nicht dünner. Freier.

, Bistum Münster

Themen gibt es viele, Meinungen noch mehr. Nicht immer werden sie sachlich vorgebracht und ausgetauscht. Und viel zu oft bestimmen Empörung, Negativität, Ich-Bezogenheit und gegenseitige Attacken die Diskussionen. „Die Montagsmeinung“, das Meinungsformat des Bistums Münster, soll hier ein anderes Zeichen setzen. Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kirche, die sich dem Bistum verbunden fühlen, setzen sich darin mit Themen auseinander, die für sie und andere relevant und aktuell sind. Die Autorinnen und Autoren lassen es aber nicht bei Klagen und Kritik. Sie haben vielmehr konstruktive Ideen und Lösungsansätze. Diese teilen sie mit uns an dieser Stelle alle 14 Tage montags.

Für den heutigen Tag hat Julia Fischer die Montagsmeinung verfasst. Sie lebt und arbeitet zwischen Familienalltag, Kirche, Öffentlichkeitsarbeit und gesellschaftlichem Engagement. Als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit in der Familienbildungsstätte (Fabi) Ibbenbüren, Mitglied des Leitungsteams im Pastoralen Raum Hörstel, Ibbenbüren und Lengerich sowie Präventionsfachkraft und Schulungsteamerin verbindet sie Kommunikation mit Haltung und Glauben mit den Fragen des echten Lebens. Die 38-Jährige ist verheiratet und Mutter von zwei kleinen Kindern. In ihren Texten und ihrer Arbeit setzt sie sich für eine Kirche ein, die offen, ehrlich und nahbar ist – und für eine Gesellschaft, in der Menschen nicht in vorgefertigte Rollen gedrängt werden.

Julia Fischer

© privat

Es ist wieder da. Das Schönheitsideal, das Frauen beibringt, möglichst wenig Raum einzunehmen. Nicht einfach schlank oder sportlich. Sondern schmal, kontrolliert, diszipliniert.

Wer gerade durch Instagram oder TikTok scrollt, merkt schnell: Der Skinny-Trend ist zurück. Extrem dünne Körper werden wieder ästhetisiert, „What I eat in a day“-Videos feiern Kontrolle und Verzicht, und zwischen perfekt kuratierten Bildern liegt oft dieselbe Botschaft: Der weibliche Körper ist ein Projekt.

Dabei geht es nicht um dünne Körper an sich. Dünne Frauen sind nicht das Problem. Frauen schulden niemandem Rechtfertigungen für ihren Körper — egal ob dick, dünn, weich, muskulös oder irgendwo dazwischen. Problematisch wird es dort, wo ein bestimmter Körper plötzlich wieder als moralisches Ideal gilt. Als sichtbarer Beweis für Disziplin, Erfolg und gesellschaftlichen Wert.

Genau das passiert gerade.

Auf Social Media wird Dünnsein erneut romantisiert. Hunger erscheint wie Kontrolle, Kontrolle wie Stärke. Weibliche Körper werden wieder zu Dauerbaustellen, die permanent optimiert werden müssen. Es reicht längst nicht mehr, gesund zu sein oder sich wohlzufühlen. Frauen sollen makellos wirken, effizient, begehrenswert — und dabei am besten nie „zu viel“ sein: zu laut. Zu weich. Zu emotional. Zu sichtbar.

Mich beschäftigt deshalb weniger die Frage, wie Frauen aussehen. Mich beschäftigt die Frage, wie viel Energie Frauen verlieren, wenn sie ständig damit beschäftigt sind, ihren Körper zu beobachten, zu bewerten und zu kontrollieren.

Wie viel Kraft verschwindet in Kalorienrechnern, Spiegelblicken und Selbstzweifeln? Wie viel weibliche Energie geht verloren, weil Frauen früh lernen, sich selbst wie ein unfertiges Projekt zu betrachten?

Das Tragische daran ist nicht nur die gesundheitliche Gefahr. Nicht nur Essstörungen oder Selbsthass. Tragisch ist auch die gesellschaftliche Dimension: Wer permanent mit der Optimierung des eigenen Körpers beschäftigt ist, hat weniger Kraft für anderes. Weniger Kraft für Kreativität, Widerstand, politisches Denken oder Gestaltung.

Ein patriarchales System profitiert nicht von Frauen, die in ihrer ganzen Größe auftreten. Es profitiert von Frauen, die beschäftigt bleiben. Mit Diäten. Mit Scham. Mit dem Gefühl, nie ganz richtig zu sein. Dabei ist ein Körper kein Lebensprojekt. Er ist kein Bewerbungsschreiben an die Gesellschaft und kein moralischer Nachweis für Wert oder Disziplin. Wir sind nicht nur Körper. Wir sind Gedanken, Haltung, Humor, Widerspruch, Intelligenz, Fürsorge, Erschöpfung und Leidenschaft. Unser Körper gehört zu uns — aber er ist eben nur ein Teil von uns. Nicht die Summe unserer Existenz.

Wir brauchen deshalb dringend einen gesellschaftlichen Blick, der Frauen wieder als ganze Menschen sieht. Ich will eine Welt, in der Frauen ganz da sein dürfen. Mit allem.

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