Kathrin Meier* engagiert sich ehrenamtlich als Telefonseelsorgerin

, Stadtdekanat Münster

„Telefonseelsorge, guten Tag.“ Mehr sagt Kathrin Meier (Name geändert) zunächst nicht, wenn sie den Hörer abnimmt. Manchmal kommt eine leise Antwort. Manchmal zunächst gar nichts. Und manchmal beginnt jemand sofort zu erzählen – weil sich über lange Zeit etwas angestaut hat, das nun endlich irgendwohin muss.
 

Kathrin Meier ist inzwischen im Vorruhestand und engagiert sich ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge Münster. Seit mehr als zehn Jahren sitzt die 64-Jährige regelmäßig am Telefon. Vier Mal im Monat stehen die ehrenamtlichen Beraterinnen und Berater jeweils für drei Stunden bereit – auch nachts. Was die Menschen am anderen Ende mitbringen, ist ganz unterschiedlich: Einsamkeit, psychische Belastungen, Ängste, Beziehungskonflikte oder eine akute Krise. „Der größte Anteil sucht eine Entlastung“, sagt Kathrin Meier. „Die Anrufenden haben das Gefühl: ‚Ich muss das mal erzählen. Ich trau mich gar nicht, das mit jemandem zu besprechen, der mich kennt.‘ Bei manchen ist vielleicht auch sonst niemand da, der zuhören würde.“

Ratschläge gibt sie nur selten. „Wir achten darauf, dass wir nicht in die Rolle der Problemlöser geraten.“ Zuhören, vielleicht einen Impuls geben – aber die Entscheidung beim Anrufenden lassen. Das sei Teil der Haltung, die sie in der Ausbildung gelernt habe. Die rund anderthalb Jahre umfassen 200 Stunden – eine intensive Zeit, in der die Teilnehmenden Schritt für Schritt in ihre Aufgabe hineinwachsen. 

Gespräche mit Menschen, die über Suizidgedanken sprechen

Besonders eindrücklich sind Gespräche mit Menschen, die über Suizidgedanken sprechen. Manche sorgen sich um einen Angehörigen, andere äußern eigene Gedanken. „Sie haben oft ein Umfeld, in dem sie nicht darüber sprechen können“, erzählt Kathrin Meier. Bei der Telefonseelsorge dürfen solche Gedanken ausgesprochen werden: „Wir bleiben hier und hören erst einmal zu.“

Ein Gespräch ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Mensch befand sich in einer akuten Krise und rief von den Bahngleisen aus an. Kathrin Meier blieb am Telefon, bis die Person sich in Sicherheit gebracht hatte. „Man weiß nach dem Gespräch nie: Wie geht es aus?“ Genau das müsse man aushalten. „Wir können es nicht entscheiden. Das macht immer der Anrufende selbst.“ Aber man könne „nochmal eine Tür aufmachen“.

Übergaben, Supervision und Fortbildungen

Dass solche Gespräche nicht mit nach Hause genommen werden müssen, dafür sorgen Übergaben, Supervision und Fortbildungen. Kathrin Meier spricht von einer Rolle, in die sie wie in eine Jacke schlüpft: „Wir ziehen diese Jacke an, wenn wir hier sind, und wir geben sie wieder ab, wenn wir rausgehen.“ Schwierige Gespräche bringt sie in die Supervision ein. 

Das Ehrenamt hat ihren Blick auf andere Menschen verändert. Sie sei sensibler und toleranter geworden, sagt Kathrin Meier. Die Gespräche hätten sie „geerdet“. Sie höre von Menschen, deren Lebenswege ganz anders sind als ihrer. Und manchmal relativiere das auch die eigenen Sorgen: „Wenn ich die Schicksale hier am Telefon höre, zieht es einem schon manchmal den Boden weg.“ Menschen, die sich durchs Leben kämpfen und trotzdem nach Hilfe suchen, verlangten ihr Respekt ab.

Dass es die Telefonseelsorge seit 70 Jahren gibt, empfindet Kathrin Meier deshalb als wichtig – und stimmt sie gleichzeitig nachdenklich: „Dass der Bedarf so hoch ist, macht mich manchmal traurig.“ Viele Menschen stünden am Rand der Gesellschaft. Für sie sei die Telefonseelsorge deshalb ein Ort, an dem rund um die Uhr jemand zuverlässig da ist.

 

Zum Hintergrund: Telefonseelsorge

Vor 70 Jahren wurde in Berlin die erste Telefonseelsorge-Stelle in Deutschland gegründet. Im nordrhein-westfälischen Teil des Bistums Münster gibt es heute Standorte in Münster (seit 1972), Recklinghausen (seit 1979) und Niederrhein-Westmünsterland/Wesel (seit 1982). Sie bieten Menschen in belastenden Lebenssituationen rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche eine anonyme und vertrauliche Anlaufstelle. Die Telefonseelsorge lebt vom gemeinsamen Engagement katholischer und evangelischer Träger.

Rund 300 ehrenamtliche Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger engagieren sich in der Telefon-, Chat- und Mailberatung. Vor ihrem Einsatz absolvieren sie eine 200-stündige Ausbildung und nehmen regelmäßig an Fortbildungen und Supervisionen teil. 

Im Jahr 2025 nahmen die drei Telefonseelsorge-Stellen im Bistum Münster 43.970 Anrufe entgegen, führten 2.008 Chats und beantworteten 2.328 E-Mails. Zu den häufigsten Gesprächsanlässen zählen Einsamkeit, psychische Erkrankungen, Beziehungskonflikte, Ängste und Suizidgedanken.

Angesichts sinkender finanzieller Ressourcen der Kirchen zählt die langfristige Sicherung des Angebots zu den zentralen Herausforderungen. Als wichtiger karitativer Dienst für die Gesellschaft ist die Telefonseelsorge künftig verstärkt darauf angewiesen, zusätzliche Finanzierungsquellen zu erschließen und Politik sowie Öffentlichkeit als Unterstützer zu gewinnen.

Ann-Christin Ladermann