Löwenruf durch siebeneinhalb Jahrzehnte
Der "Löwe" soll in der Kirche gut zu hören sein. Deshalb prüft ein Helfer das Mikro. Die Kirchenglocken läuten. Draußen, vor der Sakristei des Doms St. Ludgerus in Billerbeck, warten Propst Hans-Bernd Serries und Historikerin Ingrid Lueb auf Dr. Christoph Hegge.
Der Weihbischof ist an diesem Mittwoch die Stimme des "Löwen“. Er wird im Dom die erste der drei berühmten Predigten vortragen, die der frühere Münsteraner Bischof Kardinal Clemens August Graf von Galen im Sommer 1941 gehalten hat.
Deutlich kritisierte von Galen darin die NS-Machthaber, willkürliche Enteignungen, Vertreibungen und Verhaftungen von Ordensleuten und anderen, die Tötung von Menschen mit Behinderung. Diese Auftritte brachten ihm seinen Beinamen ein: "Löwe von Münster“.
An diesem und an den folgenden Mittwochabenden sollen von Galens Predigten in Billerbeck nach 75 Jahren wieder aufleben, "weil sie zwar berühmt sind, aber nur wenige sie kennen“, begründet Serries. "Seine Worte verdienen es, in Gänze wahrgenommen zu werden“, ergänzt Lueb, "denn es ging ihm nicht nur um die Rechte der Kirche, sondern um Menschenrechte."
Weihbischof Hegge kommt auf die zwei Wartenden zu, begrüßt sie. Anspruchsvoll sei die Vorbereitung auf den heutigen Abend gewesen, berichtet er. Lueb bestätigt, die Predigt sei schwierig zu lesen. "Ich werde deutlich reden. Weil der Text deutlich ist“, kündigt Hegge an.
Im Dom haben sich die Bankreihen gefüllt. Die Glocken verstummen. Es sind zu wenig Liedzettel da – mit dieser Resonanz habe man nicht gerechnet, wird der Propst später entschuldigend sagen. Die Besucher schauen zu zweit oder dritt aus und dann gespannt nach vorn. Die Turmuhr schlägt die volle Stunde. Hegge, Serries und Lueb ziehen in den kerzenbeflackerten Altarraum ein und setzen sich auf die Bänke des Chorgestühls.
Organist Lukas Maschke spielt eine Sonate von Mendelssohn-Bartholdy zum Choral "Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. "Das passt“, wispert jemand. In den Bänken viele grau- und weißhaarige Köpfe, aber auch andere. Vorne rechts vier junge Frauen, Kapuzenpullis, Jeansjacken, die Haare zu Pferdeschwänzen gebunden. Gespannte, erwartungsvolle Gesichter.
Der Propst begrüßt die Menschen, mit fast greifbarer Freude über die vollen Bankreihen und einer kleinen Warnung: Damals hätten Predigten länger gedauert, als es heute üblich sei. Historikerin Lueb spricht in einer kurzen Einführung von der Gespaltenheit der katholischen Bischöfe im Dritten Reich. Dann tritt Hegge ans Mikro, richtet sich auf, atmet durch. Ein Blick zum Porträt des "Löwen“, das einige Meter weiter steht, der Weihschof beginnt.
Das Publikum ist still. Hegge liest klar, schnell, aber sicher und deutlich, wie angekündigt, mit sparsamer Mimik und Gestik. Sätze wie "Die Gerechtigkeit ist das Fundament der Staaten!"brauchen vielleicht auch keine gestikulierenden Hände.
Der "Löwe von Münster"scheint an diesem Abend in Billerbeck wieder lebendig zu werden. Die Zuhörer vernehmen seine Klage über den "Klostersturm"der Gestapo, seine Warnung: "Der physischen Obermacht der (Gestapo) steht jeder deutsche Staatsbürger völlig schutzlos und wehrlos gegenüber!"Sie hören von Galens Selbstverpflichtung, er werde öffentlich warnen "vor dem Weiterschreiten auf einem Wege, der nach meiner festen Überzeugung Gottes Strafgericht auf die Menschen herabruft und zu Unglück und Verderben für unser Volks und Vaterland führen"muss. Sie lauschen von Galens Bekenntnis zu den Menschenrechten: "Das Recht auf Leben, auf Unverletzlichkeit, auf Freiheit ist ein unentbehrlicher Teil jeder sittlichen Gemeinschaftsordnung“. Sie hören die Feststellung des Bischofs, sein Anliegen sei "ein christliches, ja ein allgemein menschliches und nationales, religiöses."Und viele halten den Atem an beim Fazit, das Hegge durch eine Pause wirken lässt: "Wir fordern Gerechtigkeit!“
Die Worte hallen nach. Worte, die im Dritten Reich das Leben kosten konnten. Worte, die durch sieben Jahrzehnte hindurch in Billerbeck wirken. "Stark“, wispert jemand.
Gute 20 Minuten hat die Predigt gedauert, der Propst hat zurecht vorgewarnt. Orgelmusik durchbricht die Stille, diesmal vom zeitgenössischen finnischen Komponisten Peteris Vasks. Fast 15 Minuten dauert das Spiel, in denen die Zuhörer die Predigt nachwirken lassen. Dann verabschiedet sie Weihbischof Hegge mit einem Gedanken: "Bischof von Galen war zum Martyrium bereit."Applaus, die Turmuhr schlägt die volle Stunde. Alle singen "Clemens August, wir dich ehren“, volle drei Strophen. Noch einmal Applaus. Erst dann schieben sich die Menschen langsam aus den Bänken, Richtung Ausgang. Die Kerzen flackern.
(Hinweis: Am Mittwoch, 20. Juli, trägt Propst Hans-Bernd Serries die zweite, am Mittwoch, 3. August, Weihbischof Dr. Stefan Zekorn die dritte Predigt vor. Beginn ist jeweils um 19 Uhr im Billerbecker Dom.)
Bildunterschrift: Der „Löwe von Münster“ und seine Stimme: Weihbischof Dr. Christoph Hegge trug die Predigt des früheren Bischofs von Münster, Clemens August Kardinal von Galen, vor. Foto: Anke Lucht / Bischöfliche Pressestelle
Text: Bischöfliche Pressestelle / 15.07.16
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Foto: Anke Lucht / Bischöfliche Pressestelle
