
Luca Rusch
© Privat„Einsamkeit ist demokratiegefährdend.“ Diesen Satz habe ich vor Kurzem auf einer Konferenz gehört. Er ist bei mir hängen geblieben, weil ich glaube, dass wir den Zusammenhang zwischen Einsamkeit, Gemeinschaft und Demokratie noch immer unterschätzen.
Wie ernst das Thema ist, zeigt die Studie „Jung, einsam und engagiert?“ der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2025, vorgestellt unter der Überschrift „Die Einsamkeit junger Menschen ist eine Gefahr für die Demokratie“. Fast die Hälfte der befragten 16- bis 30-Jährigen (46 Prozent) fühlt sich moderat oder stark einsam. Unter den stark Einsamen sind 63 Prozent mit der Demokratie in Deutschland unzufrieden.
Diese Zahlen zeigen für mich vor allem, wie eng das Gefühl von Zugehörigkeit mit unserem Blick auf Gesellschaft und Demokratie verbunden ist. Wer dauerhaft das Gefühl hat, nicht dazuzugehören, nicht gehört zu werden und mit dem eigenen Handeln nichts verändern zu können, verliert leichter Vertrauen in andere Menschen sowie in gesellschaftliche und politische Strukturen.
Genau deshalb glaube ich, dass wir beim Thema Demokratie viel früher ansetzen müssen. Wir sprechen oft darüber, wie wir junge Menschen politisch erreichen, für Wahlen interessieren oder für Engagement gewinnen können. Aber vielleicht müssen wir davor eine andere Frage stellen: Wo erleben junge Menschen heute überhaupt noch Gemeinschaft?
Ich erlebe jedes Jahr im Ferienlager, was solche Orte bewirken können. Kinder und Jugendliche treffen dort aufeinander, die sich vorher teilweise kaum kennen. Sie verbringen ihren Alltag miteinander, müssen Rücksicht nehmen, Konflikte lösen, Entscheidungen als Gruppe treffen und Verantwortung übernehmen. Manche sind am Anfang sehr zurückhaltend und finden erst nach einigen Tagen ihren Platz. Andere merken plötzlich, dass ihnen etwas zugetraut wird und dass sie selbst dazu beitragen können.
Natürlich ist ein Ferienlager kein politisches Bildungsseminar. Trotzdem entstehen dort Erfahrungen, die auch für eine demokratische Gesellschaft wichtig sind. Man lernt zuzuhören, Kompromisse zu finden, andere Meinungen auszuhalten und Verantwortung für andere zu übernehmen. Vor allem aber entsteht ein Gefühl, das nicht selbstverständlich ist: Ich gehöre dazu. Ein Satz, der übrigens nicht nur demokratisch, sondern auch zutiefst christlich ist, denn genau das will Gemeinde sein: ein Ort, an dem niemand für sich allein bleibt.
Das gilt ebenso für Jugendgruppen, Sportvereine, offene Treffs, Kulturprojekte oder Musikangebote. Solche Orte werden schnell als Freizeitbeschäftigung abgetan. Ich halte das für zu kurz gedacht, denn sie schaffen Räume, in denen junge Menschen Beziehungen aufbauen und erleben, dass ihre Stimme etwas bewirkt. Dabei muss nicht jedes Angebot mit politischer Bildung überladen werden. Oft liegt der demokratische Wert schon in der Gemeinschaft selbst.
Und genau hier sehe ich auch einen Auftrag für Kirche: solche Orte nicht nur zu begleiten, sondern sie mitzuschaffen und zu erhalten, gerade dort, wo sie sonst wegbrechen. Wenn Kirche Räume anbietet, in denen sich junge Menschen zugehörig fühlen und mitgestalten können, tut sie nicht nur etwas für den Glauben, sondern auch für die Demokratie.1
Einsamkeit ist demokratiegefährdend. Umso wichtiger sind Orte, an denen junge Menschen erleben: Ich gehöre dazu, ich werde gehört, und ich kann etwas bewirken. Denn genau solche Erfahrungen stärken nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch unsere Demokratie.
1 Bertelsmann Stiftung: Die Einsamkeit junger Menschen ist eine Gefahr für die Demokratie (abgerufen am 22.09.2026).
