Neubau der Jugendbildungsstätte Haus St. Benedikt

‚Tage religiöser Orientierung‘, kurz TRO. Über viele Jahre war das Angebot an zahlreichen Schulen eine Selbstverständlichkeit. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Das haben die Verantwortlichen in der Jugendbildungsstätte Haus St. Benedikt der Benediktinerabtei Gerleve in den vergangenen Jahren festgestellt. "Die Zahlen sind deutlich zurückgegangen", sagt Matthias Kortmann. Der Sozialpädagoge und Sozialmanager ist verantwortlich für die Abläufe, Inhalte und Strukturen in der Jugendbildungsstätte. Er hat selbst als Schüler schon an Angeboten des Hauses teilgenommen, als Teamer später Gruppen begleitet und arbeitet seit sieben Jahren als Hausleiter. Ihm zur Seite steht Saskia Zumbülte. Die 25-jährige Sozialpädagogin ist zuständig für die Kursarbeit, speziell für die Angebote im Rahmen der ‚Tage religiöser Orientierung‘ und des Bundesfreiwilligendienstes. Die geistliche Begleitung hat Pater Norbert Bücker inne. "Als Spiritual sorge ich dafür, dass der heilige Geist im Haus lebendig ist", beschreibt der 54-jährige Benediktiner seine Aufgabe.

Mit dem Abriss im September und dem Neubau der Jugendbildungsstätte Haus St. Benedikt, die nun ihrer Bestimmung übergeben wird, hat der Orden ein deutliches Zeichen gesetzt. "Wir haben in der Gemeinschaft viel diskutiert, ob es sinnvoll ist, in eine neue Bildungsstätte zu investieren angesichts der gesellschaftlichen sowie der klösterlichen Situation. Aber sowohl die Ordensgemeinschaft als auch das Bistum Münster haben gesagt, dass ihnen dieses Standbein sehr wichtig ist. Das ist auch ein politisches Signal", betont Pater Norbert. Einen Großteil der Kosten hat das Bistum Münster übernommen. Weiterhin haben Menschen, die mit dem Haus und dem Kloster verbunden sind, die Finanzierung unterstützt. "Die drei Säulen waren wichtig, damit an diesem Ort Jugendarbeit stattfinden kann", freut sich Pater Norbert über die gelungene Finanzierung.

Einig sind sich alle Beteiligten, dass heute mehr denn je Häuser wie die Bildungsstätte Haus St. Benedikt gebraucht werden. "Die Pluralisierung der Lebenswelten kann vor allem die Kinder und Jugendlichen überfordern. Im Kurs kommen sie zur Ruhe, haben Zeit, über den Sinn ihres Lebens nachzudenken. Das ist eine Chance und Herausforderung gleichermaßen", wertet er das Angebot.
Die Gründe für den Rückgang der Anmeldungen sind vielfältig. "Einen großen Einbruch gab es, als die Gymnasien die Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf zwölf Jahre eingeführt haben. Aber auch die Hauptschulen und Krankenpflegeschulen fallen als Teilnehmer heraus, da die Lehrpläne gestrafft wurden. Es ist heute ein Luxus, einer Schulklasse eine Woche für ‚Tage religiöser Orientierung‘ freizugeben", bedauert Kortmann. Im Gegenzug kämen inzwischen mehr Klassen von Förder-, Fach-, Real- und Gesamtschulen aus dem Bistum Münster, aber auch darüber hinaus.

"Die Jugendlichen stehen unter einem großen Leistungsdruck. Sie erfahren in unseren Angeboten, was im Alltag häufig zu kurz kommt. Sie setzen sich mit ihrer eigenen Persönlichkeit und mit der ihrer Mitschüler auseinander und nehmen sich gegenseitig besser wahr", hat Zumbülte erfahren. Alles, was in der Welt der Schüler ein Thema sei, könne auch während der ‚Tage religiöser Orientierung‘ zum Thema werden: beispielsweise die Selbst- und Fremdwahrnehmung, Beziehung und Liebe. Die einzelne Person komme dabei ebenso zum Zug wie die gesamte Gruppe. "Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, Menschen, die sie seit Jahren kennen, anders zu erleben. Oft wird ihnen deutlich, dass ihre Mitschüler viel mehr Facetten haben, als sie auf den ersten Blick sehen", erklärt Kortmann. Die Kurse seien eine kreative Unterbrechung des Alltags, in der die Teilnehmer mit sich und anderen auf eine andere Art und Weise umgehen können.

Das Thema der religiösen Orientierung ist den Verantwortlichen ein Anliegen. "Das heißt nicht, dass die Teilnehmer drei Tage beten oder nur über Gott sprechen. Das ist nicht das erste Ziel. Spannend wird es, wenn wir interreligiöse Gruppen im Haus haben", berichtet Pater Norbert. Er hat beobachtet, dass Jugendliche heute unbefangener und offener mit religiösen Themen umgingen. "Sie sind leider manchmal so weit weg von den Glaubensthemen, dass sie wieder offen dafür sind", beschreibt er seine Eindrücke. Daher gebe es eine punktuelle Begeisterung, mit der die Verantwortlichen arbeiten könnten. "Wie nachhaltig diese ist, lässt sich nicht sagen", meint Kortmann.

"Nichts desto trotz werden die ‚Tage religiöser Orientierung‘weiter ein Schwerpunkt sein. Aber an den Wochenenden kommen auch andere Gruppen wie beispielsweise Familienkreise oder Firmlinge zu uns, die die religiös geprägte Atmosphäre suchen", erklärt der Benediktiner und fügt hinzu: "Unser Anspruch ist es, von Gerleve aus in die Gesellschaft und die Welt zu wirken. Wir wünschen uns, dass unsere Kurse keine Inselerlebnisse sind, sondern die Menschen gestärkt nach außen gehen." Ebenso bieten die Verantwortlichen den Pfarreien an, einen Teil der Firmvorbereitung in der Jugendbildungsstätte zu übernehmen. "Immer mehr Gemeinden haben Probleme, selbst Katecheten zu finden", bedauert Kortmann. Zudem können Gruppen ein Wochenende mit methodischen Bausteinen von der Erlebnispädagogik über Geochaching bis zur Filmarbeit selbst zusammenstellen. Das Programm diene zur Ergänzung und können zwischen drei bis sechs Stunden gebucht werden. "Die besondere Zielgruppe, die wir im Blick haben, sind dabei Familienkreise", sagt der Hausleiter. Auch für Chöre und Orchester seien die neuen, barrierefreien Räumlichkeiten, gut geeignet.

Text: Bischöfliche Pressestelle
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