Papst-Enzyklika

"Ich muss gestehen, dass ich den Text bislang noch nicht sehr intensiv lesen oder gar studieren konnte, aber was ich schon sagen kann ist:

ich bin mir sicher, dass die Enzyklika ‚Laudato si‘ auch noch in vielen Jahrzehnten nicht nur für die Kirche, sondern für die ganze Weltgesellschaft als richtungsweisend, als radikal und – wenn wir sie in ihrer Grundsätzlichkeit ernst nehmen und umsetzen – revolutionär angesehen werden wird: dieser Text ist ein Paukenschlag!

Er muss und wird die Welt verändern, wenn seine Botschaften angenommen werden." Mit diesen Worten hat Münsters Bischof Dr. Felix Genn in einer ersten Reaktion am 18. Juni in Münster die neue Enzyklika "Laudato si" (Gelobt seist du) von Papst Franziskus gewürdigt, die am selben Tag in Rom der Öffentlichkeit vorgestellt worden war.

Bischof Genn: "Sicher stehen in ‚Laudato si‘ Umweltprobleme im Mittelpunkt, doch es ist weit mehr als eine ‚Umweltenzyklika‘. Es geht hier um das gemeinsame Haus der Schöpfung. Im Kern antwortet Papst Franziskus auf die Frage, die sich jeder von uns auch selbst stellen sollte: ‚Welche Art von Welt wollen wir denen überlassen, die nach uns kommen, den Kindern, die gerade aufwachsen?‘ Das führt dann dazu, dass wir uns nach dem Sinn unserer Existenz fragen und nach den Werten, die die Grundlage unseres Zusammenlebens bilden: ‚Wozu gehen wir durch diese Welt, wozu sind wir in dieses Leben gekommen, wozu arbeiten wir und mühen uns ab, wozu braucht uns diese Erde?‘ Nur wenn wir uns diesen Fragen stellen, so glaubt Papst Franziskus aus meiner Sicht völlig zu Recht, wird auch die Sorge um die Umwelt wirksame Ergebnisse hervorbringen."

Der Bischof von Münster unterstreicht, dass das Umwelt-Verständnis, das aus der Enzyklika spreche, ein ganzheitliches sei. "Papst Franziskus macht deutlich, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Umweltfragen, sozialen Fragen und Fragen eines gerechten Miteinanders gibt. Eine solche ganzheitliche Ökologie nimmt in den Blick, ob es auf der Welt gerecht zugeht oder eben nicht. Sie sieht die Natur nicht als etwas vom Menschen Verschiedenes oder als schlichten Rahmen des menschlichen Lebens an, sondern bezieht die Beziehungen des Menschen zu der Wirklichkeit, die ihn umgibt, ausdrücklich mit ein: also die Wirtschaft und die Politik, die verschiedenen Kulturen und auf besondere Weise diejenigen, die gefährdet sind. Und deswegen ist für den Papst entscheidend, ganzheitliche Lösungen zu suchen, die die Wechselwirkungen der Natursysteme untereinander und mit den Sozialsystemen berücksichtigen."

Von daher bleibe Papst Franziskus, auch wenn er ganz konkrete Umweltfragen anspreche und mit deutlichen Worten kritisiere – von der Umweltverschmutzung, über den Klimawandel, die Wasserfrage oder den Verlust der biologischen Vielfalt – dabei nicht stehen, sondern stelle auch diese in den Zusammenhang der weltweiten sozialen Ungerechtigkeit. Bischof Genn: "So macht Papst Franziskus etwa deutlich, dass gerade auch der Klimawandel zu Migration und Flüchtlingsbewegungen führt und kritisiert völlig zu recht, dass ‚viele von denen, die mehr Ressourcen und ökonomische oder politische Macht besitzen, sich vor allem darauf zu konzentrieren (scheinen), die Probleme zu verschleiern oder ihre Symptome zu verbergen‘. Der Papst wirbt für ein ‚Verantwortungsgefühl für unsere Mitmenschen, auf das sich jede zivile Gesellschaft gründet‘. Das sollten wir uns alle – gerade auch in unserem Alltag – zu Herzen nehmen und uns bemühen, danach zu leben. Denn – auch darauf weist Papst Franziskus zu recht hin: der Wachstum der letzten beiden Jahrhunderte hat längst nicht zu einem wirklich ganzheitlichen und nachhaltigen Fortschritt und zu einer Verbesserung der Lebensqualität aller Menschen geführt. Und: der Verfall der Umwelt schädigt in besonderer Weise die Schwächsten des Planeten, und das ist die Mehrheit der Weltbevölkerung. Von daher sollten gerade wir uns dafür stark machen, dass das Anliegen von Papst Franziskus zu konkretem Handeln führt, und zwar in dem Sinn, dass ‚ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde‘. Wir brauchen – das macht die Enzyklika sehr deutlich – ein anderes Verständnis von Fortschritt, von Technik, von Macht. Und: wir brauchen mehr Dialog, um zu diesem anderen Verständnis zu kommen."

Die Enzyklika ist für Bischof Genn ein "unglaublich dichter, zutiefst biblisch begründeter, geistlich-spiritueller, bewegender und bereichernder Text". Um die enthaltenen Botschaften zu verinnerlichen, rät der Bischof, "ihn zu meditieren, nicht einfach nur zu lesen und zu kommentieren und dann ad acta zu legen." Denn Papst Franziskus bleibe nicht auf der Analyse-Ebene stehen, er spreche konkret an, was getan und geändert werden müsse. Bischof Genn: "Die Anfragen des Papstes richten sich auf globaler Ebene sicher an die Verantwortlichen der internationalen Politik, sie richten sich aber gerade auch an uns, denn wir gehören zu dem kleinen Teil der Weltbevölkerung, der mit seinem Verhalten, auf Kosten des Großteils der Bevölkerung, der Natur und der nachkommenden Generationen lebt. Da schließe ich auch mich selbst mit ein und frage mich: Bringe ich den Willen mit, auch meinen eigenen Lebensstil zu hinterfragen und zu ändern? Schaffe ich es und schaffen wir alle es – wie es der Papst formuliert – ‚aus der Spirale der Selbstzerstörung herauszukommen, in der wir untergehen‘? Wichtig dafür ist es sicher, dass wir – wie es Papst Franziskus schreibt – die Umwelterziehung verstärken und zu einer ‚ökologischen Umkehr‘ kommen. Das wird – da sollten wir uns nichts vormachen –nicht einfach werden, denn bestimmte Verhaltensweisen sind bei uns tief verwurzelt. Eine im ganzheitlichen Sinne ökologische Kehrtwende, die mit einer Veränderung unseres Lebensstils und Konsumverhaltens einhergeht und zu einem neuen Bündnis zwischen uns Menschen und der Natur führt, wird uns allen nicht leicht fallen. Sie ist aber unverzichtbar. Papst Franziskus bringt auch das auf den Punkt: ‚Wenn wir fähig sind, den Individualismus zu überwinden, kann sich wirklich ein alternativer Lebensstil entwickeln, und eine bedeutende Veränderung in der Gesellschaft wird möglich.‘ Hierzu wollen und werden wir uns auch im Bistum Münster auf den Weg machen!"

Sicher sei dabei noch viel zu tun, doch der Bischof von Münster weist darauf hin, dass es in der Diözese Münster zumindest "erste Ansätze und wertvolle Projekte" gebe, die dem Anliegen von Papst Franziskus gerecht würden. So rufe aktuell auch das Bistum Münster zur Teilnahme am Ökumenischen Klimapilgerweg auf, der auch durch die Diözese führe. Dessen "Kombination aus geistlicher Besinnung und politischem Engagement" werde im Herbst im Vorfeld der Pariser UN-Klimakonferenz deutliche Zeichen für Klimagerechtigkeit setzen, hofft Genn.

Weitgehend umgestellt hätten manche Einrichtungen des Bistums inzwischen ihren Ressourcenverbrauch und ihre Beschaffung, jüngst etwa die Heimvolkshochschule Wasserburg Rindern bei Kleve, wo habe man ein strenges Umweltmanagementsystem eingeführt habe, lobt Bischof Genn. Ähnliche Ansätze hätten auch Bildungshäuser anderer katholischer Träger in der Diözese verfolgt, so die diözesane Bildungsstätte der Christlichen Arbeiter-Jugend, in der ein ökologisches Energiegesamtkonzept realisiert worden sei. Zugleich böten Bildungseinrichtungen im Bistum seit zwei Jahrzehnten jungen Menschen die Möglichkeit, im ‚Freiwilligen Ökologischen Jahr‘ praktische Erfahrungen im Natur- und Umweltschutz zu sammeln: "Das ist auch gut für die persönliche Entwicklung und für die berufliche Orientierung", sagt der Bischof.

Es gebe aber auch Ansätze, die noch umfassender ansetzten, betont der Bischof. Ökologisch, sozial, integrativ und fair gehandelt seien etwa Produkte, die im Domladen ‚Das kleine Paradies‘ in Münster verkauft und in katholischen Einrichtungen wie den Tilbecker Werkstätten in Havixbeck oder dem Hof Lohmann in Freckenhorst von Menschen mit Behinderung produziert, veredelt oder verpackt würden. Erzeugnisse aus verantwortbarer Produktion wolle auch die neue Kampagne ‚Das Öko-Faire Gotteshaus‘ der Christlichen Initiative Romero promoten mit dem Ziel, dass Kirchengemeinden auch ihre spezifischen Bedarfe öko-fair decken: Die Katholische Hochschulgemeinde in Münster habe ihren Einkauf dementsprechend angepasst – sehr zur Freude des Bischofs.

Diese Beispiele zeigten, dass viele engagierte Christen im Bistum Münster verstanden hätten: "Gott hat uns die Schöpfung anvertraut, damit alle Menschen gut leben können", sagt Bischof Genn. Zudem gebe es unzählige weitere "großartige und bewundernswerte" Projekte und Initiativen von Christinnen und Christen im Bistum, die das grundsätzliche Anliegen des Papstes ganz konkret aufgriffen und versuchten, mehr Gerechtigkeit in der einen Welt zu schaffen: "Dennoch – es bleibt für uns alle viel zu tun. Wir dürfen Papst Franziskus dankbar sein für seine Analyse der Situation und für seine ermutigenden, aber auch radikalen Worte, die Welt im Sinne dessen zu ändern, in dessen Nachfolge wir stehen: Jesus Christus!"

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Text: Bischöfliche Pressestelle
Kontakt: Pressestelle[at]bistum-muenster.de