Philosophieprofessor Gabriel
Sind wir wirklich, wer wir sind oder bloß eine Illusion, Einbildung? Ist die Wirklichkeit so, wie sie uns erscheint? Und: Sind wir als Individuen wirklich frei?
Wer sich am 26. August im Münsteraner St.-Paulus-Dom bei der Vortragsreihe ,DomGedanken‘ auf leichte Kost eingestellt hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt. Schließlich ging es um die Frage, wie frei Wille und Geist wirklich sind. Professor Dr. Markus Gabriel aus Bonn nahm die Zuhörer dabei mit auf eine spannende Reise durch die Philosophie.
"Seit Jahrtausenden gibt es Überlegungen, die darlegen sollen, dass es keinen freien Willen gibt", sagte Gabriel zu Beginn in der voll besetzten Bistumskathedrale, "dabei ist es eine unbestrittene Tatsache, dass die meisten Menschen nicht daran zweifeln würden, frei handeln zu können." Normalerweise kontrastiere man Freiheit mit einer Art von Zwang, und nicht alles, was Menschen täten, täten sie aus Zwang. "Wir haben also ein Bewusstsein unserer Freiheit", betonte Gabriel. Nun habe die harte Metaphysik über Jahrtausende aber drei Gründe aufgeführt, "um diese Bewusstsein als eine Illusion, als eine Quelle von Schein darzustellen: Gott, die Natur und unser Hirn".
Gott sei per Definition allwissend und allmächtig. "Wenn Gott alles weiß, wusste er vor der Schöpfung also schon, dass Markus Gabriel am 26. August um 18.47 Uhr genau diese Sätze im Münsteraner Dom vorliest?" fragte der 35-jährige Philosophieprofessor. Habe er gar keine andere Wahl gehabt, als an diesem Abend nach Münster zu kommen? Eine erwartungsvolle Stille senkte sich über das Gotteshaus, als Gabriel fortfuhr: "Wenn Gott bereits seit langer Zeit weiß, dass ich jetzt meinen linken Arm hebe, heißt das doch nicht, dass Gott meinen linken Arm gehoben hat!" Das Wissen alleine mache die Person also nicht unfrei, "da sie sich ja noch frei entscheiden kann." Gott sei nicht das handelnde Moment.
Im Gehirn liefen die Vorgänge biochemisch ab, ohne dass der Mensch sie beeinflussen könne. "Sie geschehen ohne bewusstes Zutun", gab Gabriel zu bedenken. Sei das Hirn also ein biologischer Computer und "alle Vorgänge, auf die wir bewussten Zugriff haben, ein Nebeneffekt von Vorgängen, für die dies nicht gilt?" Wenn alle bewussten Entscheidungen unbewusst seien und der Mensch deswegen nicht wirklich frei, stelle sich aber die Frage, warum eine unbewusst vorbereitete Entscheidung nicht frei sein solle. "Denn es ist in der Tat wohl wahr, dass ich nur dann ein bewusstes Erlebnis haben kann, wenn zuvor bestimmte unbewusste Vorgänge in meinem Gehirn abgelaufen sind", sagte Gabriel, "wir taumeln nicht blind durch die Wirklichkeit und führen Handlungen aus, die unsere Hirnphysiologie uns aufzwingt."
In diesem Zusammenhang brachte er die Selbstbestimmung ins Spiel. Sie liege vor, "wenn wir uns gleichsam ein Bild von uns selbst und unserer Stellung in seiner Situation machen. Im Lichte eines solchen Bildes sind wir dann imstande, Handlungsmuster auszubilden." Der Mensch entwerfe ein Bild von sich selbst im Verhältnis zu anderen, die sich ebenfalls ein Bild von sich selbst und der Situation machten.
"Das aber bedeutet, dass die Situation, die wir beschreiben, eine Wirklichkeit ist, in der wir leben", betonte der Referent. Er schloss, "dass wir als geistige Lebewesen frei sind, weil es ganz und gar unmöglich ist, das uns betreffende Weltgeschehen zu verstehen, ohne zu verstehen, dass wir Lebewesen sind, die im Licht von Ideen handeln." Die Menschen seien nicht anonymen Mächten, den elementaren Wuchten der Natur oder "den Neuronengewittern unter unserer Schädeldecke ausgeliefert."
Zu Beginn hatte Dompropst Kurt Schulte auf Münsters Geschichte hingewiesen. Hier sei es schon früh möglich gewesen, literarisch und philosophisch zu diskutieren. "In Angelmodde hat es einen der ersten literarischen Salons Europas gegeben", erzählte Schulte, "es gibt also schlechtere Orte als Münster, um über die Freiheit des Willens zu sprechen."
Die ‚DomGedanken‘ sind eine neue Veranstaltungsreihe im Dom, die im ersten Jahr unter dem Gesamtthema ,Der Freiheit eine Gasse‘ steht. Veranstalter ist das Domkapitel mit Unterstützung durch die Evonik Industries AG. Auch die folgenden ,DomGedanken‘ finden mittwochs um 18.30 Uhr im St. Paulus-Dom Am 2. September wird Ministerpräsident a.D. Dr. Lothar de Maizière zum Thema ,Erkämpfte Freiheit: 25 Jahre nach der Wiedervereinigung‘ sprechen. Im Anschluss sind alle Besucher zum Austausch auf den Domplatz eingeladen. Der Eintritt ist frei, um Spenden zur Unterstützung der Flüchtlingsarbeit in der Stadt Münster wird gebeten.
Die ,DomGedanken‘ werden live im Internet übertragen. Interessierte können sie auf www.paulusdom.de, www.bistum-muenster.de, www.kirchensite.de und www.katholisch.de verfolgen.
Text: Bischöfliche Pressestelle
Kontakt: Pressestelle[at]bistum-muenster.de
