Ralf Rothmann gab tiefe Einblicke beim Kuenstlertreffen des Bistums

Tiefe Einblicke sein literarisches Schaffen und in sein Leben hat der in Berlin lebende Schriftsteller Ralf Rothmann beim Künstlertreffen des Bistums Münster am 19. November im Franz-Hitze-Haus gegeben.

Mehr als 200 Kreative aus allen Bereichen künstlerischen Wirkens waren dazu nach Münster gekommen.

"Nun soll es auch mal um Literatur gehen", sagte Bischof Dr. Felix Genn in seiner Begrüßung. Er freue sich, dass dazu "der mir liebste moderne Autor" gekommen sei. Es fasziniere ihn, wie sensibel Ralf Rothmann Lebenswirklichkeiten wahrnehme und diese in seinen Werken aufscheinen lasse, verriet der Bischof. Der Roman ‚Junges Licht’ etwa habe ihm als Ruhrbischof geholfen, die Mentalität des Ruhrgebietes noch tiefer "erahnen, erspüren und erfühlen" zu können. Genn wies darauf hin, dass Rothmann nun im Dezember den ‚Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken’ erhalte.

Organisiert hatte den Künstlertag 2014 Pfarrer Thomas Alfons Frings, der Vorsitzender der Kunstkommission des Bistums ist. Frings wies in seiner Einführung auf die "beeindruckende Liste der Auszeichnungen" hin, von denen Rothmann "seit 2001 eine pro Jahr" erhalten habe. Der Pfarrer der Kirchengemeinde Heilig Kreuz Münster bezeichnete Rothmann als einen "Autor, der das Leben kennt". Seine Schriften handelten von den Schwierigkeiten des Lebens, von Fragen, Brüchen, Suchen und Scheitern – und immer wieder vom Weitersuchen der Protagonisten nach dem Guten und Schönen.

Dann kam Rothmann aufs Podium und las zunächst aus einigen seiner Bücher. Eingangs trug er ein Gedicht vor, anschließend Ausschnitte aus Erzählungen und Romanen. Mit voller Stimme, angenehm modulierend und dramaturgisch präsentierend entpuppte sich der Schriftsteller als geübter und fesselnder Vorleser, der sein Publikum in die Welten seiner Werke zu entführen vermochte. Mit Zeilen im Ohr, die erneut aus Gedichten stammten, wie "Und ewig rauscht das Meer und immer muss man pinkeln", "Seit er tot ist, wächst mein Bart stärker" oder "Lobe den Herrn, bist Du am Boden liegst" entließ Rothmann sein Auditorium in die Kaffeepause. Diese wurde intensiv zu Austausch und Begegnung genutzt.

"Ich wollte Priester werden und zwar aus einem ganz romantischen Grund", bekannte Rothmann zu Beginn der anschließenden Frage- und Antwortrunde: "Die sehen immer so toll aus in ihrem Gewand". Daraus sei nichts geworden, weil sein Vater dagegen gewesen sei: "Watt? Priester?", habe der entsetzt gesagt: "Gibt’s nicht! Ich will mal Enkel haben!"

Rothmann bezeichnete es als "ein Glück", keine klassische Schriftstellerausbildung zu haben, er sei gelernter Maurer: "Die beste Universität für einen Schriftsteller ist die persönliche Erfahrung". Sie sei "das A und O für jede Form von Kunst". Ein Autor brauche einen gewissen Leidensdruck, um sich etwas von der Seele schreiben zu wollen.

Für die Sprache und den Aufbau von Texten habe er viel gelernt, als er sich Werke anderer Autoren vorgenommen habe. "Thomas Mann war für mich sehr wichtig", erklärte Rothmann, nannte aber auch Fitzgerald, Faulkner, Tolstoi oder Tschechow, bei denen er geschaut habe: "Wie hat der das gemacht?"

Seine Inspiration komme daher, dass er "mit großen Augen und Ohren durch die Welt" gehe. Er lasse sich ansprechen vom "musikalischen Geist der Sprache". Sein Gefühl für Sprache sei weniger durch Literatur als durch die Rock- und Popmusik der späten 60-er, 70-er Jahre entstanden. Oft beginne er ein Werk, weil er "den ersten Satz so schön" gefunden habe und schreibe dann ins Blaue hinein: "Ich bin kein Autor, der sich Konzepte oder Pläne macht".

Rothmann bezeichnete es als großes Glück, dass er am Ende eines Schreibvorgangs oft einen Fingerzeig bekomme, den er so interpretieren könne, dass ein Werk vollendet sei. So habe er in einem Buch, das komplett erfunden gewesen sei, eine reale Person vorkommen lassen. Diese habe ihn, als er den letzten Punkt getippt hatte, erstmals nach vielen Jahren wieder angerufen.

Kritisch äußerte Rothmann sich zur Text- und Gedichtanalyse, wie sie früher im Deutschunterricht betrieben worden sei: "Man hat mehr vom Umgang mit Literatur, wenn man sie geschehen lässt". Heute fragten viele Lehrer nicht mehr: "Was will der Autor damit sagen?", sondern "Was sagt mir dieser Text?" – und das sei die interessantere Frage. Literatur solle dem Leser den Hinweis geben, dass "was uns umgibt, nicht die ganze Wirklichkeit ist". Auch Poesie könne dies aufscheinen lassen: "Das sind zauberhafte Momente, die man nicht erklären will".

Mit einem kommunikativen Abendimbiss klang das Künstlertreffen aus: ein geistig bereichernder Nachmittag und Vorabend, geprägt von einem Schriftsteller, der sehr offen und sympathisch überkam, wie man den Äußerungen von Teilnehmern entnehmen konnte.

Text: Bischöfliche Pressestelle
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